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Stammtisch 2.0

Das Konzept von Stammtisch wird neu aufgerollt. Was dabei entstehen kann, erfahrt ihr hier!

 

Im Studenten-bekannten Zwillings-Gewölb treffen sich jeden zweiten Montag unverbesserliche Idealisten. Meinungen und Wissen über aktuelle Themen werden ausgetauscht. Die kleinste Einheit an Öffentlichkeit entsteht. Das Essen wird geteilt und das Bier fließt bis die letzte U-Bahn fährt.

 

Ich steige die Treppen des Zwillingsgewölbs hinunter und gehe zur Sicherheit nochmal auf Klo. Mit leichterer Blase und nervösen Augen suche ich im Keller den Stammtisch. Hinter einem lauten Tisch mit Studenten finde ich die ruhige Montagsrunde an einem zu großen Tisch sitzend. Leises Gespräch bestimmt den Kreis aus vorrangig Politikwissenschaften studierenden Männern. Ausgebreitet auf den Tisch liegen verschiedene Artikel aus Tageszeitungen.

Erst einmal ein Bier bestellen, bevor ich mich vorstelle. Auf eine enge Bank geparkt, höre ich mit den Anderen dem Begründer Franz Schneckenleithner bei seiner einleitenden Fragestellung zu. Was macht Heimat aus? Und warum dürfen eigentlich nicht alle in einem Land lebenden Menschen, über die politische Landschaft mitbestimmen?

 

Ruhige Gespräche und geteiltes Essen

Große Fragen, die nicht unbedingt versucht werden zu beantworten. Es geht um den Diskurs selbst. Was sind Nationalismen? Was ist Identität? Immer wieder unterbrochen von bestelltem Essen und Trinken. Die Speisen werden in der Runde herum gereicht und geteilt. Geschichten aus dem Leben werden erzählt. Ein Kollege am Tisch ist aus Südtirol und würde gerne wählen gehen, kann aber nicht.

Max Webers Definition von Staat und Herrschaft wird zitiert. Und muss gleich einmal für alle erklärt werden. Herrschaft in einem Staat definiert sich nach Weber in drei verschiedenen Formen: Legale, Traditionelle und Charismatische. So weit, so klar.

 

Aktuelle Diskurse unterbrochen von persönlichen Geschichten

Das Thema Wahlkampf ist nicht weit und im Schatten der Begriffe „Filterblase“ und „Fake-News“ wandert die Diskussion in Richtung der Gegenstrategien. Wie kommen die in der Krise befindlichen Linken aus dem eigenen Saft heraus? Die hier sitzenden jungen Intellektuellen wissen es auch nicht, sitzen sie doch mit Gleichgesinnten an einem Tisch.

Hinausgehen und reden mit den Leuten, ist die etwas einfach wirkende Antwort. Aktivismus ist Franz sehr wichtig und er möchte genau diese Filterblase versuchen zu durchbrechen. Dafür organisiert er auch gerne Demos und geht auf die Straße um mit den Passanten ins Gespräch zu kommen. Oder er stellt ein Liebssymposion auf die Beine.

 

Wissen fruchtbar machen

In unserer Gegenwart, wo die Halbwertszeit von Meinungen nur mehr Stunden ist, wirkt der vor einem Jahr gegründete Stammtisch wie eine Insel. Inspiriert von den Rauriser Literaturtagen und dem dortigen Geist des Austausches kam Franz und seinen Kollegen die Idee eines Stammtisches. Ein Ort, wo Meinungen und Denkformen ausgetauscht und grundsätzlich einfach laut gedacht werden soll.

Das Wissen, was sich unzählige Studenten in den Seminaren aneignen, soll nicht einfach wieder versickern. Es soll weitergegeben und ausgetauscht werden. Und im Besten Fall daraus etwas Fruchtbares entstehen, dass mehr als einen Abend lang lebt. Es entsteht und lebt hier im Zwillingsgewölbe die kleinste Form der Öffentlichkeit und zeigt, dass Stammtisch mehr sein kann, als nur ein Zufluchtsort für Pensionisten.