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© Dilan Tas

Wiener Eigenarten I

Unsere Kolumnistin Priska Seidl weiß: der Wahnsinn liegt im Alltag, zum Beispiel beim Zähneputzen.

 

Fragment I
Schärft euer Profil!

Ganz gleich, ob 12 oder 87, wohnhaft in Fünfhaus oder Margareten, Kaffee trinkend oder beim Hackeln, eines ist allen Wiener_innen gemeinsam: ihre Eigenarten. Schräge Gewohnheiten, von denen niemand etwas erahnen kann, weil wir sie beim Stammbucheintrag und in Social-Media-Profilen gekonnt aussparen.

In der Artikelreihe „Wiener Eigenarten“ bilden diese Besonderheiten den Mittelpunkt. Vielfältige Miniportraits werden zu einem sprachlichen Mosaik über die Gesichter der Stadt.

Hand aufs Herz: Was gibt es abseits von Studienrichtung und Beziehungsstatus über euch zu wissen?

Gerhard, 28 (begegnet: Wohnungseinweihungssause, zufälliger Sitznachbar)

Mag den Geschmack von Zahnpasta nicht. Nämlich wirklich überhaupt nicht. Vertraute konsequenterweise geraumer Zeit seiner jungen Jahre dem reinigenden Effekt puren Wassers.

Empfindet der Spezies der Nacktschnecken gegenüber Hass. Schon Freundschaften wurden deswegen aufgekündigt. Denn: Für Kumpanen, die einen trotz eindringlicher Ermahnungen, wohl freundlicherweise davon abzusehen, mit dem schleimigen Objekt größter kundgetaner Abneigung bewerfen, kann es kein Nachsehen geben.

Hat kein Problem mit dem Verzehr von Seeigeln, sehr wohl aber mit dem von auch erst kürzlich abgelaufenen Lebensmitteln. Zum Runterkommen von derlei und anderen üblen Substanzen empfiehlt er Marvel-Filme.

Basti, 26 (begegnet: klassische Folgebekanntschaft, bewusst gewählter Sitznachbar von besagtem Gerhard)

Fühlt sich von banaler Dümmlichkeit mancher Menschen, der im öffentlichen Diskurs Raum gegeben wird, persönlich belästigt und reagiert darauf gerne mit offensichtlich primitiven Vulgarismen* oder klassischem Schmähtandlertum, um das Gegenüber zu verwirren oder zumindest zu provozieren.

Ist sich nicht sicher, ob er seine Vorgehensweise als Akt der willentlichen Dekonstruktion oder unterbewussten Überkompensation definieren soll, wird diesem innerlichen Konflikt aber noch nachgehen.

*Exempel nur auf Nachfrage für nachgewiesen großjährige Leserschaft

Barbara, 26 (begegnet: vor 20 Jahren am Volksschulweg)

Zählt gerne Vorhandenes, wenn sie auf der Toilette sitzt. Vorzugsweise Fliesen.

Forschungsaufgabe: Wie viele Fliesen sind im gegenwärtigen Aufenthaltsraum vorhanden?
Angewandte Methodik: Anzahl der Fliesen quer links nach rechts mal Anzahl der Fliesen senkrecht unten nach oben ergibt Gesamtanzahl der Fliesen.
Fazit: kurz- und insofern langweilige Taktik, wenn man genauso gut jede Fliese einzeln zählen könnte.
Beobachtete Problematik: Notwendigkeit, verschiedenste Lokusse für immer neue Fliesenzählmöglichkeiten aufzusuchen, da das Ergebnis sonst schon vor dem Lösungsweg bekannt ist.

Vorschläge erwähnenswerter Befliesungen bekannter Toiletten oder alternativer Zeitvertreibe zur Erweiterung des Repertoires bitte an die Redaktion unter: redaktion@souterrain-magazin.at

(Bitte von primitiv vulgären Einsendungen abzusehen. Die bleiben Bastis Terrain.)