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Auf ein paar geteilte Sorgen auf einer Wahlparty

Henrik schreibt eine wöchentliche Kolumne für Souterrain und entführt die Leser an diverse Orte in Wien.

Ich liebe WG-Parties (und komme nur schwer damit zurecht, dass Word den korrekten englischen Plural anficht). Als ich nach Wien kam, waren WG-Parties mein Zugang zur Stadt – menschlich und geographisch.
Meine erste Wohnung lag in Ottakring und nach gerade mal zehn Tagen Wien verlief ich mich hoffnungslos im Zweiten. Noch heute bin ich unnötig stolz darauf, mein Haus mit nichts als einem Kompass und den Landkartenausschnitten auf Bim-Stationen gefunden zu haben. Betrunken.
In den letzten Jahren wurde ich seltener auf WG-Parties eingeladen. Das liegt nicht nur daran, dass ich die Bildung bilingualer Pluralia ungeheuer ernst nehme, sondern mein Geld damit verdiene, Abends vor Betrunkenen zu stehen. Wo anders.
Eines dieser seltenen Male war eine Wahlparty. Also eine dieser WG-Parties, deren Sinn es war, vor der Wahl noch einmal zu feiern, weil danach … Nun. Am Sonntag ist diese Kolumne online und wir werden allesamt andere Dinge im Kopf haben. Entweder Erleichterung oder Frust. Ob ich gehört hätte, Hofer habe VdB unterstellt, kommunistischer Spion zu sein. Nein, habe ich nicht. Eine Mittelohrentzündung hat mich vor dem TV-Duell bewahrt. Es überrascht mich auch nicht. Natürlich sagt er so etwas.
Und jetzt sitze ich in einem Wohnzimmer, schwenke nachdenklich mein Dosenbier und höre mir die eloquent formulierten Sorgen anderer Gäste darüber an, was diese Wahl für das Land bedeutet.
Es stört mich, obgleich ich die Sorgen teile. Es stört mich, weil diese Flucht in selbstaffirmative Blasen nicht bloß nutzlos ist, sondern gar jene bestärkt, die sich ohnehin missverstanden fühlen. Es stört mich, weil ich das Wort ’selbstaffirmativ‘ verwende. Es stört mich, wenn Menschen zur Verhinderung aufrufen, aber nicht zur Lösung.
Weltbewegende Ideen beschert mir die Bierdose nicht. Auch ich werde Sonntagabend gespannt auf die Auszählung warten und im Vorfeld all meine wahlberechtigten Mitmenschen zu eben dieser Wahl auffordern. Aber danach werde ich mir angewöhnen, nicht auf Jahre alte Kleinigkeiten stolz zu sein. Lösungen suchen. Mit Menschen sprechen. Wenn ich mich auf andere Blickwinkel einlasse, sie diskutiere, zu überzeugen versuche und nicht bloß auf richtig und falsch beharre, werde ich vielleicht wieder öfter auf WG-Partys eingeladen.

Henrik schreibt eine wöchentliche Kolumne für Souterrain und entführt die Leser an diverse Orte in Wien.

Wer mehr von Henrik Szanto lesen mag, wird hier fündig. Henrik ist außerdem Mitbegründert von FOMP, was das ist erfahrt ihr hier.

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