Loading

Lob der Langeweile

Die Langeweile gilt den einen als unliebsame, den anderen als wohltuende Begleiterin. Und in ihr Anwesenheit äußert sich die Bewusstwerdung der eigenen Existenz. In einer gänzlich ökonomisierten und technisierten Umwelt wird sie jedoch zum Feindbild erklärt. Sie wird vertrieben und ersetzt durch eine Vielzahl an Zerstreuungsmomenten innerhalb digitaler Kommunikation. Der Mensch als Ware wird sich so seines eigenes Daseins immer weniger bewusst.

Die Langeweile gilt den einen als unliebsame, den anderen als wohltuende Begleiterin. Und in ihr Anwesenheit äußert sich die Bewusstwerdung der eigenen Existenz. In einer gänzlich ökonomisierten und technisierten Umwelt wird sie jedoch zum Feindbild erklärt. Sie wird vertrieben und ersetzt durch eine Vielzahl an Zerstreuungsmomenten innerhalb digitaler Kommunikation. Der Mensch als Ware wird sich so seines eigenes Daseins immer weniger bewusst.

 

Sich mit der Langeweile als kulturwissenschaftlichem Gegenstand zu beschäftigen ist wahrlich kein neues Phänomen. Die Auseinandersetzung mit ihr zieht sich durch die Geschichte der Geisteswissenschaften. Vor allem in existentialistischen Überlegungen spielt sie eine große Rolle. Dabei kam sie nicht immer gut weg. Sei es ein Charles Baudelaire, der in seinen lyrischen Schriften in der Langeweile den Ekel vor der eigenen Existenz entdeckte, oder ein Blaise Pascal, der in ihr die Leere und absolute Negativität des Lebens sah:

„Nichts ist so unerträglich für den Menschen, als sich in einer vollkommenen Ruhe zu befinden, ohne Leidenschaft, ohne Geschäfte, ohne Zerstreuung, ohne Beschäftigung. Er wird dann sein Nichts fühlen, seine Preisgegebenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere.“

Das Nichts-Tun wurde verbrämt und verabscheut. In einer Gesellschaft, die sämtliche Lebenssphären kapitalisiert und in der selbst die Kommunikation zur Ware wird, gilt es, die Langeweile neu zu bewerten.

©Dilan Tas
Langeweile muss neu bewertet werden.

Die Erfahrung der Langeweile zeigt sich in grundverschiedenen Bereichen, derer Heidegger in Grundbegriffe der Metaphysik drei ausmacht. Zunächst sei die situative Langeweile zu erwähnen, die eintritt, wenn der Mensch von etwas gelangweilt ist. Sei es das Warten am Bahnhof auf den nächsten Zug oder im Stau auf das Vorankommen im Verkehr. Der Gegenstand der Langeweile erzeugt im Menschen eine Leergelassenheit. Die Welt lässt ihn sprichwörtlich zurück. Eine weitere Form zeigt sich im sich langweilen bei etwas. Diese Spielart tritt ein, wenn man sich mit einer ganzheitlichen Beschäftigung gezielt die Zeit vertreibt. Dazu gehört die abendliche Zusammenkunft mit anderen Menschen, in der die ganze Situation darauf verwendet wird, die Leere der Zeit zu füllen. Die letzte Variante beschreibt eine Langeweile des Lebens, die Baudelaire und Pascal benennen und ablehnen. Die ganze Welt wird als sinnleer verstanden. Der Mensch ist ihrer überdrüssig. Die negative Konsequenz dieses Zustands ist die Depression. Dem eigenen Leben ist der Sinn abhanden gekommen.

 

Fernsehen und Radio als neue Vertreiber der Langeweile 

Positiv verstanden ist sie jedoch eine Notwendigkeit, um sein eigenes Dasein im Rausch der Zeit verorten zu können. Der Soziologe, Journalist und Filmtheoretiker Siegfried Kracauer betonte diese Form der Langeweile in seinen frühen Schriften der 1920er und 30er Jahre. In dieser Zeit entwickelten sich das Radio und vor allem das Kino zu zentralen Elementen der Freizeitgestaltung. In seinem Essay über Langeweile betont er eben jene existentialistische Erfahrung, die zuvor negativ bewertet wurde, in ihrer Bedeutsamkeit. Für ihn ist das Nichts-Tun eine Notwendigkeit, um sich selbst in der Ekstase der Vergnügungssucht wahrnehmen zu können. Die Langeweile ist

„die einzige Beschäftigung, die sich ziemt, da sie eine gewisse Gewähr dafür bietet, dass man sozusagen noch über sein Dasein verfügt. Langweilte man sich nicht, so wäre man vermutlich überhaupt nicht vorhanden und also nur ein Gegenstand der Langeweile mehr. Man leuchtete über den Dächern auf oder liefe als Filmstreifen ab.“

In den sich entwickelnden Unterhaltungsmedien sieht er einen „Kult der Zerstreuung“ und einen „Prunk der Oberfläche“, denen sich die Massen abseits ihres Zwangs zur Lohnarbeit hingeben. Zerstreuung meint hier ein stetes, zielloses Aktivieren der Sinne, das das Nachdenken über das eigene Selbst unterbindet.

 

Das Recht auf Nicht-Kommunikation wird aufgelöst

Diese Tendenz, die Kracauer beobachtete, zeigt sich in der heutigen globalisierten Kultur in einer gänzlich radikaleren Form. Durch die Ökonomisierung der Kommunikation ist das Kapital in Form der Unterhaltungsindustrie tief in das Privatleben der Menschen vorgedrungen. Der Kult der Zerstreuung, der bei Kracauer noch in Form des Kinos zu sehen war, ist aus der Öffentlichkeit in das Private vorgedrungen. Digitale Apparaturen sind unsere permanenten Begleiter, die bedient werden möchten und mit denen kommuniziert werden soll. Die Trennung zwischen Öffentlich und Privat wird dadurch zunehmend aufgehoben. Das Private galt im liberal-demokratischen Denken nicht nur als ein Raum, in dem öffentliche Kommunikation ausgeschlossen ist, sondern auch als jener, in dem der Einzelne das Recht auf Nicht-Kommunikation besitzt. Dieses Recht wird aufgelöst. Unsere Aufmerksamkeit wird einer Permanenz aus Stimulationen unterworfen, die Stille, eine mögliche Bedingung für Langeweile, verdrängen und ein

©Dilan Tas
Langeweile muss geübt werden.

ständiges Hintergrundrauschen erzeugen, die unsere Zerstreuung aufrecht erhalten. Die Langeweile beziehungsweise das Nichts- Tun als konträrer Zustand zur Kommunikation steht der Verwertungslogik entgegen, da sie keinen Mehrwert erzeugt und folglich nicht in das globale Netzwerk aus Zeichenproduktionen integriert werden kann. Facebook, Twitter und Co. möchten, dass wir nie offline sind.
In dieser kommunikativen Enge fehlen jene Leerstellen, die einen Raum öffnen, um das eigene Dasein, wie es Kracauer beschreibt, wahrnehmen zu können. Der Raum der Langeweile wird mehr und mehr getilgt, je schneller sich die Zeichenproduktion beschleunigt. Dabei ist zu betonen, dass nicht die Anwesenheit von Zerstreuungsmedien allein, sondern die stetige Beschleunigung ihrer Produktivität dafür verantwortlich ist. Der Zerstreuung durch einen langatmigen Kinofilm kann ebenso zu einem Versinken in Gedanken führen wie das stille Sitzen und in die Ferne blicken.


Wir müssen uns anstrengen, gelangweilt zu sein.

Werden die Bedingungen für Langeweile beseitigt, so ist auch das Schaffen von Bedeutung nicht mehr gewährleistet. Sie ist essentiell für die Erfahrung von Sinn. Bedeutung ist der Wertschöpfung hinderlich, da sie Zeit beansprucht und den Fluss von Informationen hemmt. Das menschliche Gehirn benötigt jedoch Zeit, um die Fülle an Informationen aufnehmen und verarbeiten zu können. Die Leerstelle der sinnlichen Wahrnehmung ist dabei jener Raum, in dem aus Informationen Wissen entsteht, da das Gehirn von neuen externen Reizen isoliert ist und bereits erhaltene Stimuli verarbeiten kann.
Wir müssen uns anstrengen, gelangweilt zu sein. Nicht mehr die Leere erzeugt einen depressiven Zustand, sondern die Fülle an Reizen und Zerstreuungsmöglichkeiten.
Die Langeweile wird aus dem Erfahrungsraum des Menschen mit dem zunehmenden Überfluss an Unterhaltungsangeboten konsequent ausgetrieben. Tritt sie doch in Erscheinung, so reagiert der Mensch mitunter panisch und zwanghaft, da er mit der Stille und dem Zustand des „auf-sich- zurückgeworfen-Seins“ nicht mehr umgehen kann. Exemplarisch dafür steht eine Beobachtung des kürzlich verstorbenen Kulturtheoretikers Mark Fisher, der in seiner Zeit als Lehrer einen Schüler aufforderte, im Unterricht keine Kopfhörer zu tragen:

„Er antwortete mir, dass es letztlich egal sei, ob er sie aufhat, weil er darauf eh keine Musik abspielen würde. Ein anderes Mal spielte er über seine Kopfhörer Musik in sehr geringer Lautstärke, ohne sie zu tragen. Als ich ihn bat, die Musik auszuschalten, antwortete er, dass selbst er sie nicht hören würde. Weil ihm die Präsenz der Kopfhörer oder das Wissen, dass Musik läuft, ohne dass er sie hört, das Gewissen gab, dass diese Musik immer noch existiert, dass sie sich in seiner Reichweite befindet.“

Die Überpräsenz an Vergnügungs- und Ablenkungsmedien führt zu einem Zwang des ständigen Verbundenseins mit ihnen. Leerstellen und Lücken in der Wahrnehmung werden geschlossen und nicht mehr zugelassen. In der spätkapitalistischen Gesellschaft müssen wir uns anstrengen, gelangweilt zu sein, wie Fisher es auf den Punkt bringt. Die Konsequenz dieses Übermaßes an Zerstreuung sieht er im depressiven Hedonismus. Dieser paradoxe Begriff beschreibt die Möglichkeit, sich jederzeit einer Vergnügungssucht hingeben zu können bei gleichzeitiger Niedergeschlagenheit und einem Gefühl der Leere. Nicht mehr die Leere erzeuge einen depressiven Zustand und führe den Menschen in eine existentielle Krise, sondern die Fülle an Reizen und Zerstreuungsmöglichkeiten.

 

Mit Stille umzugehen wissen

Die Langeweile ist in dieser Betrachtung nicht mehr ein Schreckgespenst, dem mit allen Mitteln zu entkommen versucht werden sollte, sondern ein Fluchtpunkt, der rar geworden und doch so notwendig ist in Zeiten einer alles durchdringenden Aufmerksamkeitsökonomie. Sie sollte der Anfang einer Therapie einer Gesellschaft sein, die nicht mehr weiß mit Stille umzugehen und die nicht mehr weiß, was es heißt, die Gedanken schweifen zu lassen. Wir müssen zurück zu einem Lob der Langeweile.

 

Literatur:
• Fisher, Mark: Kapitalistischer Realismus ohne Alternative. VSA-Verlag: Hamburg
• Heidegger, Martin: Die Grundbegriffe der Metaphysik. Welt – Endlichkeit- Einsamkeit.Vittorio Klostermann: Frankfurt am Main

Kommentare