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©theesschmees

Mehr als nur #gstettn – Wiener Peripherie(n) auf Instagram

Die „Gstettn“ zeigen sich auf Instagram von ihrer besten Seite. Wir stellen drei von den Artists vor und fragen was sie inspiriert.

 

Industriegebiete, Tankstellen, weite Felder und Brachland – letzteres wird in Wien auch gerne “Gstettn” genannt (hier gibts einige “Gstettn” zu sehen: #gstettn). So stellt man sich für gewöhnlich den Wiener Stadtrand vor, die sogenannte Peripherie, wo die Großstadt langsam ins Ödland ausfranst. Dass die Orte am Rande und rundum Wiens mindestens soviel visuelles Potenzial besitzen wie die die rausgeputzte Innenstadt, wollen wir euch anhand dreier Instagram-Accounts zeigen – an dieser Stelle sei auf den Artikel von Tobias Obermeier verwiesen, der sich mit dem Raum der Peripherie auseinander gesetzt hat.

Das historische Wiener Stadtzentrum, das Hochglanzwien, ist auf Instagram omnipräsent. Dutzende Accounts mit tausenden Followern widmen sich den üblichen touristischen Highlights, von Stephansdom bis Staatsoper, von Albertina bis Zentralfriedhof. Motive, die jede und jeder schon
x-mal gesehen hat. Deshalb bewegen wir uns an den virtuellen Stadtrand und zeigen euch anhand von drei ausgewählten Accounts, wie abwechslungsreich die Peripherie Wiens sein kann.

 

zistahood: Minimalismus in Zistersdorf

Eine holzvertäfelte Wand, an der eine Uhr verkehrt herunter hängt – hier scheint die Zeit still zu stehen.

Dieses Foto auf dem Instagram-Account zistahood ist wohl das perfekte Sinnbild für Zistersdorf: Das kleine Städtchen mit 5000 Einwohnern liegt im Weinviertel, rund eine Autostunde nördlich von Wien – und damit an der Peripherie Wiens im, buchstäblich, weitesten Sinne.

Die Schöpferin von zistahood ist nach 15 Jahren in Wien wieder zurück nach Zistersdorf gezogen, wo sie ihre Kindheit verbrachte. Sie ließ sich von den zahlreichen Instagram-Accounts über Wien inspirieren und wollte ausprobieren, ob “Zistersdorf auch cool sein kann”. Seitdem porträtiert und erforscht sie mit ihren Fotos die Vielseitigkeit ihres Heimatortes: Weite Felder und Weinberge in allen Jahreszeiten, Katzen hinter Vorhängen oder auf Säcken mit Blumenerde, aber auch die kleinen Kuriositäten des Dorflebens, wie z. B. ein Plakat mit “urigen und fetzigen” Volksmusikanten, das vom obligatorischen Dorfpolizisten aus Pappe bewacht wird.

Die Bilder auf zistahood sind meist streng und minimalistisch komponiert, konzentrieren sich auf die versteckten Details des kleinen Städtchens und bieten immer wieder Überraschungen – z. B. wenn ein Hase oder ein Huhn in die Kamera schauen oder sich Erdölpumpen, wie in einem Western, aus den Weinbergen erheben.

Peripherie bedeutet für die Betreiberin von zistahood, durchzuatmen und die Ruhe genießen, aber auch jederzeit in den Trubel Wien einzutauchen, wenn sie Lust dazu hat. Das Leben abseits der Großstadt hat auch ihre Schattenseiten:

“Das Dorfsterben ist auch bei uns spürbar, immer mehr Geschäfte stehen leer und Häuser verfallen.”

Dennoch – und das zeigen auch ihre Fotos – hat sich Zisterdorf für sie als lebenswerte und auch coole Stadt erwiesen: “Ich bleibe auf jeden Fall hier und meinem Konzept treu.” Und jetzt wissen wir Stadtmenschen, dass Zistersdorf definitiv cool ist.

 

theesschmees: Endstation Seestadt

Von Zistersdorf aus gesehen südlich, im Norden Wiens, liegt und wächst die Seestadt Aspern, eines der derzeit größten Stadtentwicklungsprojekte Europas und die Vorzeigesiedlung der Wiener Stadtregierung. Bis zur Fertigstellung im Jahr 2028 sollen bis zu 20.000 Menschen in der “Smart City” leben und arbeiten.

Eine der ersten Bewohnerinnen der Seestadt war Thees, die seit November 2015 hier lebt und ihren Instagram-Account theesschmees komplett der Seestadt gewidmet hat:

“Der lose Grundgedanke war, das Projekt Seestadt im Wandel und Werden festzuhalten und eine minimale persönliche Note einfließen zu lassen”.

Das Areal kennt sie schon seit der ersten Planungsphase, “als es noch rein gar nichts gab bis auf den See, die U2-Station und einen Haufen Bauschutt. Mitzuerleben, wie aus dem Nichts sukzessiv ein komplett neuer Stadtteil entsteht, war unglaublich faszinierend für mich.” Da sie von Anfang an dabei war, nennt sie ihren Account auch “bebilderte Timeline” und wer sich einen Eindruck von diesem neuen Stadtteil machen will, kommt an ihrem Account nicht vorbei.

Die Fotos auf theesschmees zeigen die Vielfalt der Seestadt: Die moderne, abwechslungsreiche und bunte Architektur, Skurriles wie den Hundefrisör “Hunde Styling Seestadt” und versteckte Details, wie z. B. ein Herzerl auf dem eingefrorenen See. Blumengärten und Nachbarschaftsregale, aber auch Schmierereien (“auf den neuen Wänden zeugen davon, dass die Menschen sich hier schon eingelebt haben.

Auf einigen Bildern sieht man den Himmel über Wien und die weit entfernte Skyline – die omnipräsenten Baukräne erinnern daran, dass in der Seestadt weiterhin fleißig gebaut wird.

Für Thees bedeutet Peripherie vor allem Wachstum und die Entstehung von neuem Lebens- und Wohnraum. In einigen Fällen findet sie die negative Assoziation mit dem Begriff durchaus gerechtfertigt und denkt an “traurige Wastelands am Stadtrand, die durch eine effiziente Stadtplanungspolitik sicherlich verhindert werden können.” Aus ihrer Sicht funktioniert die Seestadt bisher gut und wächst immer mehr zusammen. Auch wenn es noch einige kleine Mängel gibt, ist sie schon gespannt, bis die Stadt der Zukunft fertig gestellt ist. Wir warten derweil gespannt auf neue Fotos aus dem Norden.


twentysecond_district
: Representing Donaustadt

Vom äußersten Stadtrand bewegen wir uns Richtung Zentrum, in die Donaustadt (von vielen WienerInnen schmunzelnd auch als “Transdanubien” genannt), wo ein Großteil der Fotos von twentysecond_district entstehen. Hier geht es etwas großstädtischer und rauer zu als in Zistersdorf oder der Seestadt Aspern: Gemeindebauten im grauen Nebel, oft in schwarzweiß oder als Video mit Hip-Hop Beats unterlegt, Streetart und Graffiti auf Beton, aber auch Fotos von der Donauinsel im Sonnenuntergang – twentysecond_district zeigt die Vielfalt des 22. Bezirks zwischen grau, grün und bunt.

“Meine Bilder sind Momentaufnahmen mit dem Handy, die meistens spontan unterwegs entstehen. Mit meinem Account versuche ich kleine Einblicke in meine Welt zu geben und wie ich meine Stadt wahrnehme, wobei die dreckigen und rauen Eindrücke meiner Meinung nach oft überwiegen.”

 

Der Betreiber von twentysecond_district will sich explizit nicht auf die Donaustadt beschränken, da er aber hier aufgewachsen ist und lebt, stammen die meisten seiner Fotos aus seinem Heimatbezirk. Er selbst würde den Begriff Peripherie, in Hinblick auf den 22. Bezirk, als „Randbezirk fernab des üblichen Stadtbildes“ beschreiben – und welcher Bezirk, nicht nur in Wien, kann sowohl ein Gebäude der UNO als auch ein Naturschutzgebiet aufweisen? Durch die verbesserte Infrastruktur, vor allem den Ausbau der U1 und U2, ist auch die Donaustadt näher an das Zentrum gerückt:

“Wenn ich mich an meine Jugend zurück erinnere, war das nicht immer ganz der Fall. Da gab es gerade mal die U1 und die ist nur bis Kagran gefahren. Oft brauchte man im eigenen Bezirk eine halbe Stunde oder länger, um überhaupt zu einer U-Bahn zu gelangen.”

 

Auch für Thees war die gute Verkehrsanbindung ein Hauptgrund, um in die Seestadt Aspern zu ziehen, und auch die Betreiberin von zistahood fährt täglich nach Wien zur Arbeit – und natürlich wieder zurück. So gesehen kann man sich an der Peripherie die Rosinen aus Stadt- und Landleben rauspicken, nicht nur fotografisch.

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