Loading

Wiener Eigenarten III

Unsere Kolumnistin Priska Seidl weiß: der Wahnsinn liegt im Alltag, zum Beispiel beim Kaffeegenuss.

Fragment III.

Spezial: Der Wahnsinn liegt im Alltag. Zum Kaffeetrinken.

„Da fällt mir jetzt gar nichts ein“, murmeln die meisten Menschen vage, wenn man sie unverschämt ins Verhör nimmt, um nach ihren Eigenarten zu forschen. Aber: Der Wahnsinn liegt im Alltag. Zum Beispiel beim Kaffeetrinken.

Exakt ein Stück Zucker oder ganz schwarz; morgens Melange, abends Espresso – beim Kaffee sind die Gewohnheiten so vielfältig wie die Spezialwünsche:

Phillip, 27: (begegnet: im dichten Rauch einer Kabarettbühne)

Kaffeehäferl sind von der Oma verehrtes und anderweitig zusammengeklaubtes Geschirr. Oder Ausgangspunkt für gelungene wissenschaftliche Praxis. Der Erwerb des volumens-, größen und materialtechnisch perfekten Gefäßes beim Händler des Vertrauens ist dem kundigen Kaffeetrinker sogar eine eigene Reise nach Prag wert.

Denn: Nur mit exakt diesem Häferl funktioniere der Siedeprozess einwandfrei. Das Allerheiligste liebevoll vorgewärmt, die Bohnen frisch gemahlen, das Wasser exakt 95 Grad heiß – jede andere Vorgehensweise würde dem Häferl schmähen. So auch Gäste, die frevelhaft nach Milch oder Zucker verlangen. Die werden vom Hausherren dann aber zu Recht angeknurrt. Und gedanklich aus der Wohnung geworfen.

Marcel, 32: (begegnet: der endlosen Menschenschlange vor einer anderen Bühne ausgeliefert)

Intelligente Zeitverwaltung bedarf akribisch eingehaltener Handlungsabfolgen, verkündet der effiziente Mitmensch und raunt mir seine besten Tipps ins Ohr:

So dürfe man nach dem Weckerläuten nie den Fehler begehen, gleich ins Badezimmer zu gehen. Stattdessen: Zuerst den Wasserkocher einschalten, dann die Zähne putzen und erst anschließend das Instantkaffeepulver ins nächst gelegene Häferl schütten. An guten Tagen ist das Wasser in demselben Moment fertig, in dem man gerade den Schraubverschluss der Kaffeedose zudreht.

Vermeintlicher Unkultur seines Kaffeekonsums steht er schulterzuckend gegenüber. Seine Oma hätte ihn in seiner Kindheit halt gezwungen, Seifenopern zu schauen, statt ihm Kaffeehäferl zu schenken. Was soll man da werden außer Banause.

© Pixabay

Kommentare