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„Zwischen_zeiler“

Der Fernsehsender Okto versammelt so bunte wie vielfältige Formate – wir haben einmal genauer hingeschaut.

Das Testbild als Ideenzünder

Wenn man auf den Begriff „Zwischenzeiler“ stößt, dann liegt die Assoziation des Lesens zwischen den Zeilen nahe. Es bedeutet, dass man sich über einen Text Gedanken  macht und sein Analyse- und Interpretationspotenzial ausschöpft – ihn mit anderen Worten auf eine andere Ebene hebt. Dieser Bedeutung machten sich der Produzent Guillermo Tellechea und der Redakteur Gilbert Waltl zunutze und riefen 2015 das Literaturformat „Zwischen_zeiler“ ins Leben. 

Ich treffe mich mit den beiden im Atelier des Produzenten und erfahre mehr über das Konzept, die Idee und die Produktion des Formats. Als Guillermo einmal um drei Uhr morgens zufällig beim Durchzappen auf dem Sender Okto landete, traute er seinen müden Augen kaum. Vor ihm flimmerte ein Testbild – die Grundidee zu „Zwischen_zeiler“ begann zu gedeihen. Ein simples Testbild in den frühen Morgenstunden, das wollte der Produzent nicht so einfach hinnehmen – ein Format das beim Einschlafen helfen soll musste her. Als erste Assoziation schoss ihm die Erinnerung an frühe Kindertage in den Kopf: eine ältere Frau, oder Oma wenn man so möchte, die den „Kleinen Prinz“ vorliest. Er wandte sich an seien Bekannten Gilbert Waltl und holte ihn, als Literaturexperten, für die Entwicklung eines Konzepts als Redakteur mit ins Boot.

Gemeinsam tüftelten sie an einem intermedialen Literaturformat, bei dem drei wesentliche Elemente im Mittelpunkt stehen sollen: Hände, Stimme, Buch – so lässt sich die Idee hinter „Zwischen_zeiler“ subsumieren. Und dann doch wieder nicht, denn hinter dem Format steckt so viel mehr als das bloße Vorlesen aus Büchern, bei dem das Publikum nur die Hände sieht. Der „Kleine Prinz“ wurde durch eine durchdachte Mischung aus tagesaktuellen Texten ersetzt, die in erster Linie dem Redakteur und dem Produzenten gefallen müssen. Vorgelesen wird vorwiegend aus Früh- oder Erstausgaben, was in erster Linie rechtliche Gründe hat, andererseits aber auch eine ganz besondere Haptik vermittelt, die beim Literaturformat dadurch, dass man die Hände und den Text sieht und somit das Blättern im Buch ganz intensiv miterlebt, in den Vordergrund gerückt wird.

Doch eben nicht nur, denn genau so wichtig, ist die vorlesende Stimme. Eine Stimme, hinter der sich nach Möglichkeit die Autor_innen selbst verbergen. Manchmal lesen andere Personen, manchmal – besonders bei den ersten Sendungen – ist es Gilbert Waltl. Ein close reading und Hintergrundrecherche sind notwendig, um sich in den Text hinein zu versetzen und die Intention des Verfassers oder der Verfasserin zu begreifen, erklärt mir der Redakteur. Beim Vorlesen selbst, sind Proben im Vorfeld notwendig, um die Betonung und die Intonation auch richtig zu setzen. Mit anderen Worten – es ist viel mehr als das einfache Vorlesen aus einem Buch, das gemeinsam mit der Möglichkeit mitzulesen, die Grundidee des Formats ausmacht.

Dieses verfeinerte Konzept präsentierte die beiden Freunde dann Barbara Eppensteiner, der Programmchefin von Okto, die die Idee auf Anhieb gut fand. Eine Literatursendung bei der das Publikum rund fünfzehn Minuten lang beim Vorlesen zusehen kann – so etwas passte sehr gut ins Senderkonzept. Nach der erfolgreichen Absolvierung der von Okto organisierten Kurse für Sendungsmacher_innen, konnten sie anfangen die erste Sendung zu produzieren, bei der niemand Geringerer als Karl Kraus, mit der Stimme von Gilbert Waltl, zu Wort kam. Am 16.06. 2015 wurde diese Sendung ausgestrahlt. Allerdings nicht wie geplant um drei Uhr morgens, sondern gegen 21 Uhr – zu einer Uhrzeit, bei der man noch die Konzentration hat, sich voll und ganz auf das intermediale Format einzulassen.

Intermedialität ist ein wichtiges Stichwort, denn immer wieder wird die Vorlesesituation durch Montagen gebrochen. Ganz bewusst baut der Produzent Guillermo Tellechea Filmausschnitte ein, um den Text auf eine andere Ebene zu heben. Ein anderer Kontext, in den wir ihn noch nicht kennen, wodurch ihm ganz bewusst seine Materialität und Schwere genommen wird. Doch trotz des intermedialen Ansatzes, soll ein sterbendes Medium, in diesem Fall das Buch, bedient werden. Literatur und insbesondere das Lesen aus alten, antiquarischen Büchern wird heute oftmals als eingestaubt empfunden, zumindest ist das der Eindruck, den der Produzent hat. Dem möchte das Format entgegenwirken, durch einen zwar intermedialen Ansatz, bei dem die Literatur aber nach wie vor im Vordergrund steht.

Tagesaktuelle, spannende Texte, die mit Sprache spielen, sind das Hauptelement des Formats. Bei der Auswahl der Texte, spielt persönlicher Geschmack, aber auch persönlicher Kontakt, eine große Rolle. Denn neben Karl Kraus, Hermann Bahr oder der japanischen Schriftstellerin Yoko Tawada, kommen auch Autor_innen zu Wort, die die beiden Sendungsmacher persönlich kennen oder eben bei Literaturveranstaltungen kennenlernen. Dies war bei Anna Dinholp der Fall, die selbst aus ihrem Buch über Frauenkräuter vorlas. Oder bei Franziska Füchsl, einer Freundin von Gilbert Waltl, der er die Möglichkeit gab, Gedichte aus ihrem handgefertigten Buch vorzulesen.

Nun gibt es die Sendung schon seit Sommer 2015 und im Laufe der Zeit hat sich einiges verändert. War es am Anfang nur ein Ausprobieren, ob das Format in der Form überhaupt funktioniert, produziert man heute Sendungen, bei denen die Offenheit des Redakteurs und des Produzenten zum Ausdruck kommt. Die Vielfalt an Lesearten wird zur Schau gestellt, indem in der zehnten Ausgabe zu viert synchron gelesen wurde. Eine sehr aufwändige Produktion mit zusätzlicher Top-Kamera, die der Produzent als „die Quadratur des Kreises“ bezeichnet. Ein komplexes Unterfangen, dem mit über 30 Minuten, länger als den angepeilten 15 Minuten, mehr Raum gegeben wird.

Wenn Gilbert Waltl am Ende jeder Sendung mit blauem Filzstift in Blockbuchstaben aufschreibt, wer aller bei der Sendungsproduktion mitgewirkt hat, dann ist dem Publikum gar nicht bewusst, wie viel Arbeit hinter einer Sendung steckt. Pi Mal Daumen 16 Stunden dauert es, bis man eine Ausgabe an Okto weitergeben kann, drei bis vier Wochen später wird sie ausgestrahlt.

Die Sendung ist immer im Wandel und Guillermo und Gilbert haben ständig neue Ideen, um dem Publikum einen anderen, innovativen und dann durch die Verbindung von Vor- und Mitlesen doch so klaren Zugang zu Literatur zu eröffnen. Ihre Offenheit und die Freiheit, die ihnen der Sender Okto gibt, machen das Ansehen jeder neuen Sendung zu einem noch nie da gewesenen Literaturerlebnis. Eines hat sich jedoch nicht geändert: die Grundidee, dass man nur die Hände der Lesenden sieht und sich somit auf die Stimme und den Text selbst konzentriert. Hände, Stimme, Buch – das sind die Grundpfeiler des Formats, das immer wieder durch neue Elemente ergänzt wird.

Weitere Infos zum Format auf der Homepage von Okto.