Loading

Volxlesung

Die Volxlesung ist ein Ort gegenwärtiger Literatur im Abseits der Gegenwart. In einem abgeschlagenen Gürtelbogen Wiens wird an jedem ersten Donnerstag im Monat bis ans Ende der Nacht Literatur vorgetragen, vorgetanzt und vorgeschwiegen.

 

Die Volxlesung ist ein Ort gegenwärtiger Literatur im Abseits der Gegenwart. In einem abgeschlagenen Gürtelbogen, vor dem es kaum Straßenbeleuchtung gibt, wo die Graffitidichte noch höher ist als die Feinstaubdichte, wird an jedem ersten Donnerstag im Monat bis ans Ende der Nacht Literatur vorgetragen, vorgetanzt und vorgeschwiegen.

In poetischer Gesellschaft von Schwerverkehr und Dunkelheit wird man bei einer verbeulten Türe läuten und unter verschworenen Seitenblicken eingelassen werden, als lebten wir in Zeiten grassierender Literaturprohibition und man wird warten, in dieser grottenhaften Einzimmerhöhle, man wird sehen, wie Wasser von der Decke tropft und man wird merken, dass alles auch hier von Graffiti überwachsen ist, als wäre die Außenwelt wie ein glitzernder Efeu durch die Mauerritzen ins Innere gekrochen, denn stilecht beginnt man ein, zwei Stunden später als angekündigt.

Der kleine Gürtelbogen ist bald gerammelt voll. Es gibt Bier, Wein und Kräutertee zu freier Spende. Die Luft wird schwer und weich wie Haschisch. Die Veranstalter zerren Paletten zu einer Bühne zusammen, stellen Tisch und Tischlampe darauf – die Bühne ist eröffnet.

Die Volxlesung heißt deshalb Volxlesung, weil jeder, also wirklich jeder Mensch, hier auf diese Bühne steigen kann und vortragen, vortanzen oder vorschweigen, so lange er oder sie will, wonach der Sinn steht und so lange er oder sie den Blick des gierigen Publikums erträgt, denn das verlangt natürlich nach Sensationellem. Hier sorgt kein Schild für Ordnung.

Es wird gerappt mit Ukulele, es wird gedichtet mit entblößtem Bauchspeck, es wird gesungen und geflucht. Ein Mann mit Aussehen vom Typus „Stritzi“ erzählt von seinem Pfad zur Erleuchtung, während er seinen Tee ziehen lässt. Großer Applaus. Ein Mann liest in schönstem Norddeutsch (ein bisschen so wie Werner Beinhart) aus einem vorsintflutartigen Beziehungsratgeber für Männer. Johlendes Schenkelgeklopfe. peinlich ist es niemals, gebuht wird auch nicht. Manche ernten Beifall, andere höfliches Geklatsche.

Nach und nach treten die Veranstalter_innen selbst auf, tragen aus ihrem Werk vor, zumeist Surreales und Dadaistisches. Man versteht nichts, denn nichts soll gesagt werden, also nichts im engeren Sinne, denn nicht der Text steht im Vordergrund, sondern dessen Performativität im weitesten Sinn. Das Publikum, von Zahlen, Worten, Gurgellauten und symbolischen Gesten überschwemmt und beseelt, jubelt und freut sich.

Ich fasse kaum, was da drinnen eigentlich eben passiert ist, als ich irgendwann betrunken aus dem Gedränge ins Freie stolpere.

Reinhard, einer der Organisatoren, erzählt mir ein paar Wochen später im Café, dass diese Lesungen seit 2005 stattfinden. Ganz bewusst gäbe es keine Bewertung oder Abstimmung wie beim Poetry-Slam und keine Vorgaben, keine Anmeldung, keinen Eintritt, denn in unserer Gesellschaft gäbe es schon genug Beschränkung durch Kommerz, Bürokratie und Leistungsdruck, sagt er mir. Oft haben Menschen hier die Möglichkeit zum ersten Mal auf einer Bühne zu stehen – auch er selbst habe hier den Zugang zur Literatur gefunden und dann Literatur studiert und geschrieben und geschrieben, sagt er mir während ich an meinem kleinen Schwarzen schlürfe.

Marketing, Veranstaltungskalender und eine ausgefeilte Webstrategie gibt es nicht, denn er findet es schöner, wenn man diesen Ort zufällig findet, viel schöner findet er das, sagt er mir, während ich meinen Streuselkuchen esse. Er sagt mir, dass diese Lesungen eine gesellschaftliche Gegenposition darstellen sollen, in der neue Möglichkeiten ausgelotet werden können, wo Experimente stattfinden, aber sonst, sonst bezwecken sie eigentlich nichts, sagt er, sie bezwecken damit eigentlich nichts (oder vielleicht stelle ich mir nachher bloß vor, dass er das so deutlich sagte).

Ich blicke aus dem Kaffeehausfenster zu den Hinterbacken des Rathauses. Die künstlerische Peripherie der Lesung ist zum eigenen Schutze selbsterwählt, scheint mir, denn dieses Wien, diese Stadt, die sich alles einverleibt was sie nur irgendwie zwischen die Zähne bekommt, nur um es dann durchgekaut und vergoldet wieder auszuspeien, diese Stadt will fette Kunst mit viel Sinn und Substanz an den Rippen, denke ich mir, als ich kritisch meinen Streuselkuchen anschaue.

In der Volxlesung hingegen wird nur knochige Sprachkunst geboten, die asketisch den milliardenschwangeren Kunstmarkt verlacht – und was für ein Lachen ist das in dieser Stadt! – wo Kunst immer nur höchstbietend veräußert wird, als wäre sie ein exklusiver Trüffel, der dann ungegessen in Galerien und Stiftungen vor sich hin modert, einer einsamen Ewigkeit entgegen. Kunst ist in dieser Stadt eigentlich nur ein teurer Trost für jene, die sonst nichts haben, außer Bussi-Bussi und Geld.

Bei der Volxlesung hingegen ist nichts zu holen, nichts zu ersteigern, nichts zu kaufen, weder Sinn noch Ewigkeit. Der losgelöste Abend selbst ist das Kunstwerk, dieser Abend, der ein paar Stunden kokett um das Nichts der Literatur tänzelt, um dann rauschgeweiht im Morgengrauen ins Vakuum der Worte zu verschwinden.

Hungrig geht man aus diesen Lesungen hervor, nicht satt.

Kommentare