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Auf ein Seiterl im Bierochs

Henrik schreibt eine wöchentliche Kolumne für Souterrain und entführt die Leser an diverse Orte in Wien.

 

Den Bierochs finde ich „beim Hofer links!“. Guter Witz im Zehnten. Niemand lacht. Ich sitze auf einer Holzbank in einem Schankraum, der nach Hopfen und Rauch riecht. Fünfzig Flaschenbiersorten gibt es hier und einigen Gäste sieht man jede Einzelne an. Neben mir liegt ein riesiger Hund mit langen Lefzen und kaut auf etwas, das vor dieser Begegnung mit dem Bolzenschussgerät wohl eine Rinderhüfte war. Den Hund schert die Geschichte nicht. Er kaut mit beinah obszöner Wonne und versperrt mit genießerischer Konsequenz den Weg ins Nichtraucherzimmer, wo niemand bedient wird, niemand sitzt und niemand etwas sieht, weil die Lichter aus sind.
An der Wand hängt eine kaputte Uhr. Dafür sieht die Barfrau so aus, als könne sie meine Zukunft lesen. Sie tut es und stellt mir wortlos noch ein Seiterl hin.
Ich stoße an. Meine Begleiterin ist geistreich und nach zwei Bier glaube ich das auch von mir.
Die Kaugeräusche zu meiner Linken und die gemurmelten Gespräche an der Bar untermalen die musikalische Auswahl. Wahlweise läuft Michael Jackson. Oder Falco. An der Tür hängt ein Amy Winehouse-Poster. Es ist das Einzige aus diesem Jahrhundert – ob unter Menschen, Dekorationen oder den Pokalen, die zu Dutzenden zwischen Bierflaschen stehen und sich in Geheimnisse hüllen, wofür genau sie nun errungen worden waren.
Jemand stolpert über den Hund. Niemanden interessiert das. Beim Abstützen an der Bar zittern die staubigen Weingläser auf der Metallschiene. Ich vermute, dass hier zuletzt jemand Wein bestellte, als Amy noch am Leben war. Auch ich steige über den Hund und bestelle einen Spritzwein. Den skeptischen Blick der Barfrau pariere ich mit einem Lächeln.
Als ich wenig später zahle und gehe, murmelt sie mir einen„schönen Abend“ zu. Es klingt mehr nach Feststellung als Wunsch.

Ich hoffe, sie kann wirklich meine Zukunft lesen.

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