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Der Raum der Peripherie

Am Ende der Stadt tut sich etwas mit dem Raum. Was genau aber ist eigentlich Peripherie?

Die Peripherie galt im modernen Denken des 20. Jahrhunderts als jenes Gegenstück der Großstadt, das in den kulturellen Entwicklungslinien einer Gesellschaft keine Bedeutung besaß. Mit dem Einzug digitaler Medien und der alles durchdringenden Vernetzung menschlicher Kommunikation muss der Gegensatz Peripherie-Zentrum neu gedacht werden.

Blickt man zurück in die Moderne des frühen 20. Jahrhunderts, so war die Großstadt in den Köpfen der enthusiastischen Fortschrittsbefürworter der treibende Motor einer prosperierenden Gesellschaft. Wachstum, Beschleunigung und Energie waren die bestimmenden Werte jener Aufbruchsstimmung. So heißt es im 1909 verfassten Manifest des Futurismus von Filippo Marinetti bezeichnend:

„Besingen werden wir die vielfarbige, vielstimmige Flut der Revolutionen in den modernen Hauptstädten; besingen werden wir die nächtliche, vibrierende Glut der Arsenale und Werften, die von grellen elektrischen Monden erleuchtet werden; die gefräßigen Bahnhöfe, die rauchende Schlangen verzehren; die Fabriken, die mit ihren sich hochwindenden Rauchfäden an den Wolken hängen.“

© Leander Kirchpfening

Die Peripherie als geographischer Raum war in diesem Denken ein Ort der Abgeschiedenheit und ein Raum der Belanglosigkeit. Das urbane Zentrum ist das glanzvolle Gegenstück der Peripherie, das diese jedoch in ihrer Existenz benötigt. Ebensowenig kann die Peripherie ohne das Zentrum wirken. Beide sind in ihrer je unterschiedlichen Formierung abhängig voneinander. Diese Trennlinie zweier geographischer Räume hat ihren Ursprung im modernen Denken, das eng verbunden ist mit verkehrstechnischen Erschließungen städtischer Räume. Die durch Straßenbaumaßnahmen angebundenen Randgebiete der Städte erhalten ihren Status als peripher durch ihren Zusammenschluss im Verkehr mit dem Zentrum. Das Automobil, „ein aufheulendes Auto, das auf Kartätschen zu laufen scheint“, wie Marinetti es besingt, ist in der Vorwärtsbewegung der industriellen Produktion das entscheidende Glied einer zunehmenden Mobilisierung der Gesellschaft.

 

Modern-Sein heißt, nie damit fertig zu sein

Modern-Sein heißt in dieser Hinsicht, nie damit fertig zu sein, modern sein zu wollen. Es ist ein nicht endender Prozess. Neue Räume müssen erschlossen werden und in das Raster der Beschleunigung und des Wachstums integriert werden. Das Periphere ist demnach noch nicht modern und muss als Gegenpol angeschlossen, erobert, und modernisiert werden.
Wie uns das futuristische Manifest zeigt, ist die Unterscheidung aus Zentrum und Randgebiet nicht nur das Ergebnis einer ökonomischen und verkehrspolitischen Entwicklung. Es ist vielmehr
die Folge eines spezifischen Blickens innerhalb der Kultur der Moderne – ein Konstrukt, das aufrecht erhalten werden muss, um dem Versprechen der Modernisierung treu zu bleiben. Zum einen bedarf es einem Distinktionsmoment eines schon modernisierten Zentrums und zum anderen muss ein Ort vorhanden sein, der noch nicht modernisiert ist. Die Peripherie ist dem Modus des Noch-Nicht verhaftet, der von jenem des Nicht-Mehr abgelöst werden muss. In dieser Formierung ist durch die räumliche Abgeschiedenheit ihre Kommunikation anschluss- und folgenlos. Die periphere Kommunikation hielt nicht Einzug in das Wirken des Zentrums, da die Distanz einen kommunikativen Austausch nicht zuließ.

© Severin Buchner-Baucevich

Doch die zunehmende Entwicklung der Informations- und Kommunikationstechnologien (IKTs) und der mit ihr weltumspannende und verdichtete Informationsaustausch vermag es augenscheinlich, diese Problematik zu überwinden und das dialektische Denken aus Peripherie und Zentrum in der Mottenkiste moderner Irrtümer zu verstauen. Die Informationsbeschleunigung im Zuge der Verbreitung digitaler Medienapparate sorgt für eine Aufhebung des Kontrasts aus Stadt und Peripherie, da die Beschleunigung auch an den Randgebieten fortschreitet und die Kommunikation im digitalen Informationsaustausch Anschluss an das Zentrum findet. Der moderne Gegensatz aus Peripherie und Stadt hebt sich auf. Entfernungen spielen keine Rolle mehr, da geographische Distanzen durch die wachsende Mobilität der Gesellschaft obsolet werden.

 

„Die virtuelle Peripherie bleibt in ihrer Kommunikation anschluss- und folgenlos wie diejenige im geographischen Raum der einstigen Moderne.“

Die Peripherie erhält unabhängig von einer städteräumlichen Betrachtung im virtuellen Raum eine neue Präsenz. Durch die Ökonomisierung und Monopolisierung des vormals freien Raums des Internets werden neue Gegensatzpaare innerhalb einer Aufmerksamkeitsökonomie geschaffen. Facebook, Google oder Amazon verleiben sich als Datenkrallen den Cyberraum ein, der einst in den 1990ern hochgejubelt und als utopischer Ort gesellschaftlicher Interaktionen angepriesen wurde. Doch das Prinzip des Tauschwerts, das jede Beziehung, jede Arbeit und jedes Produkt verdinglicht und als Wert in die Marktlogik integriert, eroberte auch die Unendlichkeit des virtuellen Raums. Die kleinen, unabhängigen und open-source-strukturierten Plattformen tauchen im Google-Algorithmus nicht auf. Sie können mit der Werbemacht der großen Konzerne, die unsere Aufmerksamkeit, Erinnerung und Vorstellungskraft im Cyberraum besetzen, nicht konkurrieren. Die virtuelle Peripherie bleibt in ihrer Kommunikation anschluss- und folgenlos wie diejenige im geographischen Raum der einstigen Moderne.
Welche Konsequenzen ergeben sich aus diesen beiden Konstanten eines schwindenden Gegensatzes aus Zentrum und Randgebiet im geographischen und einer wachsenden Zentrumsbildung im virtuellen Raum?

 

Städte werden zu standardisierten Marken

Zunächst lässt sich sagen, dass die globalisierte und durch Informations- und Kommunikationstechnologien (IKT) beschleunigte Form des gegenwärtigen Kapitalismus dazu führt, dass Städte ihre identitätsstiftenden Charakteristika verlieren. Große Konzernketten wie Starbucks, H&M oder McDonald‘s verändern nicht nur die städtische Raumordnung, sondern auch die Möglichkeiten im öffentlichen Raum zu interagieren. Es kommt zu einer Standardisierung des Erfahrungsraums. Spaziert man durch die Innenstädte europäischer Großstädte, so wird man schnell mit der Tatsache konfrontiert, dass sie sich immer mehr angleichen. Konsumketten reihen sich aneinander und geben in ihrer Vereinheitlichung den KonsumentInnen eine allgemein gültige Handlungsanweisung und Orientierung. Der Raum für Unbekanntes und Neues wird getilgt. Diese Tendenz zeigt sich nicht nur in den Ausformungen einer globalisierten Ökonomie, sondern auch in spezifischen Kulturkonzepten.

Bereits in den 1990er Jahren sorgte der niederländische Architekt Rem Koolhaas für Aufsehen, als er von der Generic City sprach, die jede identitätsstiftende und historische Konstante einer Stadt zugunsten funktionaler und oberflächlicher Einheiten aufgibt:

„Die Generic City ist die Stadt, die von der Gefangenschaft des Zentrums befreit wurde, von den Zwangsjacken der Identität. Sie ist nichts als eine Reflektion der gegenwärtigen Bedürfnisse und Möglichkeiten. Sie ist die Stadt ohne Geschichte. Sie ist ‚oberflächlich‘ – wie ein Grundstück in einem Hollywood-Studio kann es jeden Montagmorgen eine neue Identität erschaffen.“

 

Der Raum für Unbekanntes und Neues wird getilgt

Diese Neustrukturierung des öffentlichen Raums zu Nicht-Orten einer rationalisierten Urbanität – um einen Begriff des französischen Anthropologen Marc Augé zu verwenden – wird ergänzt durch technologische Innovationen, die die Standardisierung des alltäglichen Lebens weiter beschleunigen. GoogleGlass, Augmented Reality oder das bereits seit Jahren bekannte „Global Positioning System“ (GPS) sind Beispiele eines standardisierten und funktionalisierten Austauschs mit der Umwelt. Kategorien der Erfahrung und Orientierung müssen einer neuen Formatierung unterzogen werden, da standardisierte Simulationen als Schnittstellen den Austausch mit der Welt anstelle des sensiblen Körpers übernehmen. Sämtliche Erfahrungsprozesse und körperliche Empfindungen werden ersetzt. Der italienische Medienwissenschaftler und Philosoph Franco Berardi bringt es in einer überspitzten Formulierung auf den Punkt:

„Die Welt, als Erfahrung und Projektion, wird evakuiert und durch uniformierte und simulierte Erfahrung ersetzt werden – die Erfahrung des Schwarms.“

 

Die Seestadt in Wien als neue Form der peripheren Raumordnung

All diese genannten Erscheinungsformen einer neuen Art und Weise dessen, wie der Mensch seine Umwelt wahrnimmt, zeigen sich im Konkreten in städtebaulichen Maßnahmen, die in sich die
Ästhetik einer medialisierten, globalisierten und technologisierten Gesellschaft tragen. Wien bietet hierfür ein gutes Beispiel. Der seit 2010 im Bau befindliche Stadtteil Seestadt im 22. Wiener Gemeindebezirk ist ein Aushängeschild dafür, wie im digitalisierten 21. Jahrhundert städtische Lebensräume neu entstehen.

Innerhalb zweier Jahrzehnte soll am Rande Wiens eine Smart-City für mehrere zehntausende Bewohner entstehen. Durch den Einsatz von digitalen Überwachungs- und Steuerungssystemen wird eine hocheffiziente und auf Funktionalität ausgerichtete Einheit aus Wohnclustern und Arbeitsstätten gebaut. So wurde eigens dafür die Aspern Smart City Research GmbH & Co KG gegründet, die durch das Sammeln von Metadaten die Energieeffizienz des Stadtteils optimiert.

 

Die Peripherie wird zum neuen Zentrum 

Die Aufmerksamkeit richtet sich nun auf die Peripherie in ihrer Bedeutung als zukunftsweisende Raumkonzeption. Das geschichtsträchtige Zentrum verliert seinen Anziehungspunkt und wird ersetzt durch die Fokussierung auf das Randgebiet. Seestadt als Planstadt entspricht in ihrer einheitlichen, funktionalen und oberflächlichen Struktur der generischen Stadt nach Koolhaas. Sie besitzt keine Geschichte und keine organische und durch das spezifische Leben der BewohnerInnen geschaffene Struktur. Welche Risiken und Ausschlussprozesse das Konzept der Smart City auf lange Zeit mit sich bringt und wie der Mensch diese neue Strukturierung des Alltags annehmen wird, bleibt abzuwarten.

 

 

Texte zum Futurismus hier
Dem Kohlhaus hier
Was ist die Seestadt eigentlich hier

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