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© Elisabeth Nesensohn

Vom Druck der Welt

Wie ist das denn so, dieses Künstlerleben? Benedikt Steiner erzählt bei Melange und Tschick über ein Studium an der Angewandten.

Ich habe mich mit dem Bildenden Künstler Benedikt Steiner im Kleinen Café auf ein Stündchen Rauchen und Melange getroffen. Benedikt studiert seit Herbst 2016 Sprachkunst an der Angewandten. Wir haben über Freiheit gesprochen, über das Denken an Rändern und darüber, dass jeder Mensch für sich allein über seine Zeit verfügen sollte.

© Elisabeth Nesensohn

Ist dir bewusst, dass die Angewandte hinter eurem Rücken oft belächelt wird – Stichwort elitäre Hipster? 

Definitiv. (lacht) Also was ich schon erlebe ist, dass man in einer gewissen Blase lebt – gezwungenermaßen. Man sitzt in meinem Fall immer mit denselben Leuten in einem Raum und spricht über Texte. Ein bisher eher geschlossenes System. Aber ja, ich kenn das Klischee und ich bemüh mich selber meine Blase immer wieder zu verlassen. Ich bin jetzt gerade auf Jobsuche und würd mich sehr freuen wieder an einer Bar zu arbeiten. Ich hab zum Beispiel im Chor gesungen letztes Jahr. Sich selbst nicht abzuschotten, das muss man selber in die Hand nehmen.

Du hast bereits einen Gedichtband veröffentlich. Wie hast du das finanziert?

Mir war wichtig, dass ich das alles autonom mache. Das, was ich über die Jahre geschrieben hatte, wollte ich zu einem Gedichtband versammeln, egal ob das ein Verlag cool findet oder nicht – ich wusste, für mich ist es stimmig. Das war damals meine Sprache. Die hat sich inzwischen schon verändert, aber ist auch immer noch stark vom damaligen Schreiben, also von den letzten vier, fünf Jahren geprägt. Ich wollte dieses Buch für mich machen und dementsprechend auch den Entstehungsprozess selbst in der Hand haben.

Inzwischen ist er wohl vergriffen?

Ja, fast. Aber fünf habe ich noch bei mir, da sind sie am sichersten. (lacht) 

Wenn du den Band heute liest, erinnert er dich dann an ein früheres Ich? Ist das inzwischen alles recht weit weg?

Ja, Erinnerungen an den, der ich früher war kommen da schon auf. Auch damalige Empfindungen kann ich so noch einmal durchleben. Und doch sind ja einige der ältesten Texte fast fünf Jahre alt und dadurch sehr weit weg. Gleichzeitig geht es in den Texten auch um Empfindungen, die ich heute noch erlebe und die mich vielleicht ein Leben lang begleiten.

Wie alt warst du als du den Band geschrieben hast?

Als ich angefangen habe, so 20, 21 etwa – jetzt bin ich 26. An sich habe ich den Gedichtband nicht als solches geschrieben, sondern mich Ende 2015 entschieden, das zu dem Zeitpunkt bestehende Material in einem Buch zu versammeln. Dann ging es noch um den Entwurf des Buches selbst: die Reihenfolge der Texte, das Layout, das Buchbinden.

Deine Seele zu der Zeit? Finden sich Freunde und Verwandte darin wieder?

Die sind dort nicht drinnen zu finden. Das sind nur meine Gedanken und meine Welt. Das was um mich herum passiert, nur in dem Sinne, wie ich das wahrnehme und empfinde. Eine Trennung kommt darin vor, aber auch der Teil ist eher abstrakt gehalten.

Dieser Mensch würde sich gar nicht darin erkennen?

Sehr wahrscheinlich nicht. Es ist mehr um das Prinzip Trennen und Loslassen gegangen, als um sie als Person. Ich glaube, es hat bisher viele Leute angesprochen, weil es gewisse Bewegungen des Lebens zeigt und auf das Leben an sich anwendbar ist, also auf das Leben von irgendjemandem. Das ist vielleicht meine Absicht oder Idee gewesen. Dass es eine allgemeine Bewegung des Lebens gibt, die allem zugrunde liegt und die unter uns durch fließt, egal was da oberhalb passiert. Diese Linie und wie ich sie empfunden habe, wollte ich zeigen. Weil es nicht so spezifisch ist, obwohl es von mir ausgeht, gibt es vielleicht auch viele Leute, die sich damit identifizieren können. Weil es eben um Loslassen geht, um Aufbruch, Freiheit, gefühlte Freiheit…

Wie wichtig ist dir dabei, dass deine Texte gelesen und wahrgenommen werden?

Grundsätzlich habe ich mit dem neuen Jahr gemerkt, dass ich wieder mehr Ruhe in mein Schaffen bringen will, dass ich das auch wieder mehr für mich mache. All dieses Veröffentlichen und der Druck, den ich mir selbst auferlegt habe, dieses Getrieben-sein: „Ich muss doch jetzt bald mal“ oder „Gibt es Resonanz?“, „Kommt da was zurück?“ Ich habe gemerkt, ich will das nicht – das Schreiben ist da und das ist die Hauptsache. Ich will das nicht davon abhängig machen, ob es in den Literaturbetrieb einfließt. Es soll nicht davon gesteuert werden. Das Schreiben ist in erster Linie ein Werkzeug um mich selbst zu reflektieren und besser zu verstehen. Und, um mich und die von mir erlebte Welt immer wieder in Übereinstimmung zu bringen.

Gibt es im Studium am Anfang einen Querschnitt über Literatur und Text?

Das gab es beispielsweise eine schöne Veranstaltung, die hieß Einführung in die Sprachkunst. Gleich zu Beginn ging es um die Ränder der Literatur, um das Abseits von großen, institutionalisierten Treiben. Der Dozent hat uns in der ersten Vorlesung gefragt: „Wollt ihr in die Literatur hinein oder wollt ihr aus ihr heraus?“ Damit hat er diese Randdiskussion aufgemacht. Da gibt’s zum Beispiel den Ernst Herbeck. Das ist ein bekanntes österreichisches Beispiel. Der war in psychiatrischer Behandlung und wurde von seinem Arzt zum Schreiben gebracht. Er hat sozusagen nur auf Anfrage des Doktors geschrieben. Ganz spezielle Gedichte, zu Themen, die ihm vorgegeben wurden. Das wurde dann zu Literatur gemacht. Da öffnen sich  diese Ränder, die mich sehr interessieren.

Aber würdest du sagen, du willst lieber aus der Literatur raus?

Ich würde sagen, ich will mich an den Rändern aufhalten oder raus. Aber das heißt nicht, dass ich nicht schreiben will (lacht).

Gibt es in Österreich den Raum, an den Rändern zu arbeiten?

Also ich kann den Literaturbetrieb in Österreich wirklich schlecht einschätzen. Ich will mir deshalb nicht anmaßen, ein Statement abzugeben. Aber ich bin überzeugt, dass ein Aufhalten an diesen Rändern möglich ist. Das hängt von der Art und Weise ab, wie viel Raum man selbst gestalten möchte, statt sich im Vorgefundenen einzunisten. Dann gründet man vielleicht selber einen Verlag und publiziert dann in kleinen Auflagen. Oder macht mit dem Credo „selbst hergestellt“ eine eigene Buchbinderei, die dann halt nicht den Buchmarkt dominiert, aber eine wertvolle Nische schafft. Das kann trotzdem ein wichtiger Teil des Ganzen werden. Aber dann geht es halt wahrscheinlich nicht um’s große Geld. Ich glaube das hat auch viel mit Selbstermächtigung zu tun und Unabhängigkeit, dass man für sich selbst Dinge neu definieren kann.

Würdest du sagen, dass in unserer Generation eine neue Denkweise herrscht, wenn es um den Job geht? Dass eine klassische 40-Stunden Woche der Selbstverwirklichung entgegen steht? 

Ich habe im Callcenter eine Stunde probetelefoniert und dann gemerkt: Nein, ich will das nicht. Ich will nicht Leute anrufen, in ihren Alltag eindringen und ihnen irgendetwas aufdrängen. Ich hab vorgestern den Vertrag unterschrieben, gestern hab ich dem Personalchef angerufen und gesagt„Du ich spür das nicht.“ Das war schon ein Selbstermächtigungsgefühl. Auch wenn ich jetzt gerade nicht weiß, wie ich die Miete bezahle, ich will mich nicht unterjochen lassen. Da frage ich lieber jemanden um Geld. Das ist ja auch keine Schande. Es ist nicht so, dass ich nicht arbeiten wollen würde, aber nicht irgendeinen Scheiß. Und das ist halt immer noch das Problem: man ist in unserem System erpressbar. Es kann nicht sein, dass der Mensch erpressbar ist. Das darf nicht sein. dm-Gründer Goetz Werner hat es kürzlich in einem Interview mit dem Standard auf den Punkt gebracht: „Im Leben braucht man keinen Druck, sondern Sog“. Diesen Sog verspüre ich immer dann, wenn mir die Arbeit Freude bereitet, mir etwas gibt, mich zufrieden macht und wenn ich wertgeschätzt werde für meine Arbeit, für mein Mitwirken. Zudem hab ich auch das Gefühl, dass es unglaublich viele Jobs gibt, die schlecht bezahlt sind. Selbst wenn man hundert Prozent gibt, kommt man über die Jahre zu keinem finanziellen Wohlstand. Ich möchte auch gar nicht 40 Stunden arbeiten. Meine Zeit gehört doch mir. Es kann nicht sein, dass ich den größten Teil meiner Zeit vermieten muss. Das ist doch jedem und jeder, seine und ihre Zeit.

Wie wichtig ist dir Print? Würdest du dir verkauft vorkommen, wenn deine Lyrik nur als E-Book erscheint oder du primär auf Facebook postest?

Ich glaube das könnte auch funktionieren. Ich habe vor einiger Zeit ein Projekt gehabt, das „Die Sammlung“ hieß. Da hab ich jeden Monat einige Links von Artikeln, die mir wichtig waren in ein PDF gepackt und ein paar Fotografien und Gedichte von mir dazugegeben. Es ist ja eh jeder schon gut versorgt mit Informationen, daher bietet mein „Blatt“, so heisst es inzwischen, eine kleine Auswahl. Ganz reduziert. Aber Print bleibt mir schon wichtig. Und ich glaube nur über das Digitale, das wäre mir zu wenig. Außer es gibt eine stimmige Form dafür.

Ein Auszug aus Benedikts Gedichtband Ein Leben an sich

Ist dein Motto also: Einfach machen, egal was um einen herum passiert?

Ein bisschen schon, ja. (lacht) Das ist mir sehr wichtig. Scheuklappen im guten Sinne. Erstmal bei sich bleiben und auf seine Produktion fokussieren. Ich habe letztens mit einer Dozentin darüber gesprochen. Sie hat von Freunden erzählt, die pro Jahr ein Buch raushauen. Und dann wird gefragt, „Jo und wie schaut’s bei dir aus?“, auch wenn die letzte Veröffentlichung noch nicht weit zurück liegt. Das schafft Druck. Dessen muss man sich, glaube ich, bewusst sein. Natürlich will ich mich trotzdem nicht dem Ganzen verweigern.

Letzte Frage – gibt es literarische Idole?

Wirkliche Idole habe ich nicht. Ein tolles Buch, ein Essay eigentlich, war „A Field Guide To Getting Lost“ von der Rebecca Solnit. Ein Essay über Verlust, über das sich-Verlieren, das verloren-Gehen. Unglaublich schön. Ein wichtiges Thema des Buches ist Navigation. Ihr Ansatz, wie sie lebt und wie sie mit Verlusten umgeht und damit, auch sich selbst immer wieder zu verlieren. Verlieren im Gelände, aber eben auch ein innerliches Verlieren. Dann Peter Handke… ich habe jetzt gerade auch etwas von Max Frisch gelesen. Ich bin aber ehrlich gesagt, muss ich auch sagen, noch nicht so belesen. Ich lese gerne, aber manchmal gibt es Zeiten, da mag ich einfach nicht lesen. Oder ich hab keine Zeit, nehme sie mir nicht oder will einfach lieber schreiben.

 

¬ Um monatlich das ‚Blatt‘ zugesendet zu bekommen, kann man Benedikt jederzeit unter info@benedikt-steiner.ch kontaktieren.

¬ Am 26. Juni liest Benedikt im Literaturhaus.

¬ Auf Instagram findet man Benedikts fotografisches Projekt 140_gram:  140 Bilder im Wechsel

¬ Eine Projektübersicht von Benedikts künstlerischem Schaffen findet ihr auf seiner Website: www.benedikt-steiner.ch

¬ … und auch das ETC. Magazin hat sich schon mit Benedikt unterhalten.

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