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© Ernst Miesgang

Omas Nippes ist tot

Ernst Miesgang und die Welt des zerstörten Kitsch. Wie aus verstaubten Porzellanfiguren neue Kunstwerke werden.

Die Welt des Kitsches ist groß, bunt und meist bewohnt von netten Omas mit selbstgemachten Häkeldeckchen. Und von oben, in den Bücherregalen eingenistet, beobachten einen die glatten Augen der Porzellanpudel und -pferde wie man heimlich aus der Naschlade stibitzt. Mit dem Geruch von alten Menschen behaftet habe ich diese Art der Dekoration eindeutig nicht mit Kunst assoziiert.

Ernst Miesgang hingegen scheint die Liebe zum Zerbrechlichen gefunden zu haben. Seine Figuren sprechen eine Sprache, die erst beim zweiten Blick irritiert und ein Zucken der Augenbraue erregt. Die zerstörten Tiere aus Omas Sammlung findet er auf Flohmärkten und Hausräumungen. Einst geliebte Porzellanbegleiter von nun toten Besitzern. Ernst gibt ihnen einen neuen Zweck und bringt so den Nippes in das 21. Jahrhundert. Denn auch wenn man den Kitsch nicht liebt, so entsteht doch eine kleine Hass-Liebe. Irritierend und aufregend wirken die Tiere, deren Innereien auf den Boden quellen und gleich die Frage nach einem Konzept aufwerfen.

Der moderne Lumpensammler

Die herdenlosen Tiere werden von Ernst aufgesammelt und zerstört, ihres alten Zwecks enteignet. Wie ein moderner Lumpensammler findet Ernst die Tiere und erschafft aus ihnen Chimären der Neuzeit. In diesen neuen Fabelwesen stecken Erlebnisse und Menschen, die leise ihre Geschichten erzählen.

Doch was war am Anfang? Was ist die Intention des Künstlers selbst? Es entstand “aus der Laune heraus, diese Dinge etwas eigenständiger zu gestalten und dann habe ich einfach angefangen die Figuren zu zerschlagen.” Mittlerweile zerschlägt Ernst die Tiere nicht mehr selbst, sondern organisiert eine Performance, um die Zerstörung herum. An den Tieren werden Mikrophone angebracht und das Geräusch der Zerschlagung durch einen Sampler gejagt und geloopt. Hinzu kommt noch eine Live Band, die den Sound des Hammers in die Musik einbaut. Und dann kommt die Arbeit.

„Das ist ein stundenlanger Prozess wo man einfach nur Teile aneinander hält und irgendwann findet man wieder einen Teil der passt, und dann zerlegt man wieder alles weil es doch nicht passt. Es ist also eine sehr meditative Arbeit.“

Aus einem Scherbenhaufen kreiert Ernst die neuen Nippes Figuren und bastelt aus ihnen anatomische Modelle der Neuzeit.

 

Porzellan Chimären aus Omas Regal 

Diese Modelle waren die ursprüngliche Motivation für Ernst und schon auf den ersten Blick wird verständlich, warum. Die bunten Farben der Organe und Gefäße in einem medizinischen Modell oder die Sauberkeit einer Studie üben einen gewissen Reiz aus, und wo, wenn nicht in Wien kann solche Morbidität auf fruchtbaren Boden fallen.

“Es ist ein Spiel mit der Wahrnehmung, weil man natürlich sofort echte Anatomie hineininterpretiert, weil man es eben gewohnt ist aus Lehrbüchern und Modellen die wir uns erschaffen haben, die Dinge zu erklären. “

Der Unterschied zwischen Verstehen und Erklären:

“Unser Weltbild ist momentan so, dass Naturwissenschaft an erster Stelle steht, während das Geistige immer weiter zurücktritt, und dies sollen auch diese Figuren thematisieren. Das nämlich, egal wie akkurat wir uns Modelle erschaffen, von den Dingen die wir zu verstehen versuchen, wir werden es nie wirklich begreifen, weil es immer nur Modelle sein werden.”

Wir leben in einer Gegenwart, in der die Naturwissenschaft uns die Dinge erklärt, doch das Verstehen, die Frage nach dem Warum, steht an zweiter Stelle, sie nicht so ernst genommen. Doch gerade das Verstehen ist die Essenz des Wissens. Der Positivismus, eine Zeit in der die Gesellschaft glaubte, alleine durch Kartographieren und Vermessungen die Welt verstehen zu können, ist keine vergangenen Epoche, sondern immer noch die vorrangige Denkweise. Aufgabe der Kunst ist, uns die problematischen Vorgänge unserer Zeit vor Augen zu halten. So enthalten die Porzellan Chimären nicht nur den verkitschten Charme unserer Omas, sondern auch ein Faust Motiv – was hält die Welt im Innersten zusammen ?

 

So erklärt sich vielleicht auch die Wirkungsweise der Tiere, die erst auf den zweiten Blick ihren anatomischen Charme offenbaren.

“Das sind Ur-Instinkte die man sich zum Nutzen macht um die Leute darauf Aufmerksam zu machen. Und da gibt´s halt manche Leute die stößt das ab und manche, die finden das gut, aber es wird auf jeden Fall Aufmerksamkeit erzeugt.”

Das Betrachten und das Nachdenken darüber, wie eigentlich ein Reh nun tatsächlich von Innen aussieht, offenbart sich erst bei näherer Beobachtung. Und, dass die Kunst ehrlich ist, wirkt auch auf den Betrachter.

 

“Es ist für meine Verhältnisse wichtig, dass es ehrlich ist. Ich möchte die Leute nicht über den Tisch ziehen und ich möchte auch nicht so kryptisch sein, dass es keiner mehr versteht. Weil wenn es keiner versteht und es ist schiach, dann bringt das nichts. Das hat man schon hundert Mal gesehen und das regte auf, aber Heute regt das nicht mehr auf, es wird nicht gesehen – es wird vergessen”

 

Ernst sammelt die Gegenstände des Alltages und verändert sie auf subtile Weise. Dadurch schleichen sich diese verletzlichen Modelle ein in unsere Wohnzimmer und erinnern auch an Vergangenes. Gefunden und nicht gesucht ist dieser Nippes, der nicht mehr Teil der Gesellschaft, sondern nur mehr ein belächeltes Artefakt einer romantischen und rückwärtigen Generation ist. Doch der Retter der ungeliebten Porzellan Tiere nimmt diese auf und gibt ihnen einen neuen Zweck. Und plötzlich werden die vorher verpönten Hunde und Schwäne zu begehrten Skulpturen und stehen dann doch wieder im Regal.

Auch in ihrer Präsentation zeigen sie sich schlicht und glänzend, doch mit Schrammen versehen und mit Hammer zerschlagen, steigen sie wie der Phönix aus der Asche und präsentieren sich Stolz als neue Tiere der Zeit.

Anatomische Modelle, die mit leisen und kühlen Augen unser Wissen in Frage stellen, und sich doch, unter dem glatten Schleier der Keramik, verniedlichen.