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Ταξιδεύοντας με την Εταιρεία Φίλων*

*Auf Reisen mit der Gesellschaft der Freunde.
Ein Porträt über Sarantos Zervoulakos, Regisseur zwischen zwei Welten.

Die Wichtigkeit von Kunst in Zeiten der Krisen möchte ich im Portrait über Sarantos Zervoulakos in den Mittelpunkt stellen. Künstler*innen, als genaue Beobachter von Veränderung, sowie Reflektoren der aktuellen Entwicklung, sind oft diejenigen, welche Themen zur Diskussion stellen. Sie bilden ein Gegengewicht zur medialen Einheitsversion und sind, mit die Ersten, die Wirtschaftskrisen am eigenen Leib erfahren.

Sarantos Zervoulakos pendelt zwischen Wien und Thessaloniki. Er lebt in zwei verschiedenen Welten, auch wenn beide in Europa liegen. 1980 wurde er in Thessaloniki, als Sohn eines griechischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren. Nach dem Abitur in Deutschland absolvierte er zunächst ein Grundstudium der Medizin in Berlin. Schon während dieser Zeit sammelte er viele praktische Theatererfahrungen, als Hospitant und Regie-Assistent, unter anderem am Deutschen Theater Berlin und den Sophiensälen. So kam es, dass er 2006 das Studium der Schauspielregie am Max Reinhardt Seminar in Wien begann. Nach dem Abschluss wurde er schnell zu einem gefragten jungen Regisseur im deutschsprachigen Raum.


(c)ETERIA FILON

Gleichzeitig blieb die enge Anbindung an seine zweite Heimat, Griechenland, immer bestehen. Über die mediale Berichterstattung, in Westeuropa, wundert er sich deshalb oft. In den Artikeln werden Klischees bedient, die nichts mit der Realität gemein haben. Die Griechische Gesellschaft wird auf eine harte Probe gestellt. Viele Menschen kämpfen um das nackte Überleben, die Suppenküchen der orthodoxen Kirche oder anderen Hilfsorganisationen sind voll. Die Krise hat nicht nur die Armen oder minder Gebildeten getroffen, sondern die Mittelklasse fast vernichtet. Doch die Menschen wollen sich nicht unterkriegen lassen, der Gemeinschaftsgedanke wächst, neue Strategien werden entwickelt. Um die eigene Würde zu erhalten, sitzen Menschen rausgeputzt mit 5 Euro im Portemonnaie am Samstagabend in einer Bar und dürfen kurzfristig den Alltag vergessen. Hochzeitskleider werden ebenso weitergegeben, wie überflüssige Möbel, ein Tauschhandel entsteht, Naturalien gegen kleine Gefälligkeiten, wie Klempner- oder Elektriker Arbeiten.

In den 80iger Jahren, unter der Kultusministerin Melina Mercouri, wurden viele Theater eröffnet und Kulturstätten eingerichtet. Die Menschen waren ausgehungert nach Kunst, nach den Jahren der Militärjunta und Unterdrückung. Griechenland blühte u.a. auf Grund der erstarkten Kulturlandschaft wieder auf und erfuhr über eine kurze Zeitspanne eine Art Goldenes Zeitalter. Die Relikte gibt es heute noch, gut ausgestattete Bühnen, die in der Not jetzt für freie Gruppen oder Gastspielen geöffnet werden. Die Kunstszene boomt auf zwei Ebenen, die Off Szene blüht ebenso wie die von berühmten Stiftungen finanzierten Projekte: Onassis Cultural Center unterstützt das  Nationaltheater, die Stavros Niarchos Stiftung macht der Stadt Athen ein großzügiges Geschenk: ein neues Opernhaus und die neue Nationalbibliothek. Die Instandhaltungskosten übernimmt die Staat, die Stiftung hat sich ein Einspruchsrecht gesichert. Bei Nichterfüllung des Vertrages muss Athen die Baukosten an die Stiftung zurückzahlen.

Zervoulakos selbst hat das Ensemble ETERIA FILON, die Gesellschaft der Freunde / Society of Friends gegründet und realisiert damit europäische Theaterprojekte, die vermeintliche Sprachbarrieren und Denkmuster überwinden. Die Grundidee ist die gemeinsame Entwicklung von theatralen Visionen mit besonderem Augenmerk auf die Möglichkeiten der gegenseitigen Inspiration sowie Kooperationen zwischen Künstler*innen aus Griechenland und deutschsprachigen Ländern. Das Aufeinandertreffen der beiden Kulturen in der Inszenierung findet in Form der Tatsache statt, dass auf der Bühne zweisprachig agiert wird. Eben erst inszenierte er das von ihm als zweisprachig gesetzte Stück Ich bin wie Ihr, ich liebe Äpfel von Theresia Walser am Nationaltheater in Thessaloniki. Er bringt die Wurzeln seiner Eltern auf die Bühne, eine Mischung aus Griechisch und Deutsch, wie er selbst. Eigentlich fühlt er sich als Europäer, die Limitierung auf nationale Hintergründe langweilt ihn, auch wenn diese in der Arbeit thematisiert werden.


(c)ETERIA FILON

Sarantos Zervoulakos sieht im Theatermachen, die Aufgabe die Zuschauer zu unterhalten und anzuregen. Wenn diese am Ende des Stückes zufrieden das Haus verlassen, dann hat er seine Arbeit gut erfüllt. Das zutiefst Erschreckende unserer Gesellschaft bringt er auf leichte, ironische Weise auf die Bühne, ein Stil der sowohl vom mediterranen Volkstheater, als auch von der britischen Literatur beeinflusst ist. Diese Variante des politischen Theaters, die in Griechenland ihren Ursprung hat und bis heute stark verbreitet ist, lebt vor allem von dem direkten und unmittelbaren, latent-aggressiven und lustvoll-konfrontativen Sprachgebrauch, der in der griechischen Alltagssprache und im griechischen Humor ebenso verwurzelt ist wie in Screwball Comedies. Gemeinsam über vertrackte Situationen lachen unterstützt eine Annäherung, denn Lachen verbindet sowieso.


(c)ETERIA FILON

Seine Inszenierungen sind genau gearbeitet und nicht auf Effekten aufgebaut. Slapstick Einlagen kommen präzise getimed, am englischen Theaterstil orientiert. Zervoulakos geht liebevoll mit seinen Figuren um, was dem Spiel eine Leichtigkeit verleiht und die Schauspieler trägt. Videos werden ideenreich eingesetzt, als Pausenvorhang oder in einer parallelen Marionetten Theaterwelt, wie bei Schöne Bescherung am Landestheater in St. Pölten. Bühnenbilder und Kostüme spiegeln die Handschrift des Regisseurs. Kleine Anspielungen auf seine Herkunft werden kaum merkbar eingeschleust, Zitate unprätentiös eingewoben. Es macht Spaß diese Inszenierungen anzuschauen. Obwohl der erste Eindruck eher leicht und beschwingt herüberkommt, wirken seine Interpretationen der Stücke noch tagelang nach. Sarantos Zervoulakos pflanzt, bei aller Leichtigkeit, mit jeder Inszenierung und in jedem Gespräch Samen, die weitere Fragen aufwerfen oder Interessen wecken. Subtil beeinflusst Zervoulakos jeden, der in seinen Bann gerät und sein kritischer Blick, ohne Bitterkeit, veranlasst mich Hoffnung für das Theater zu hegen. Denn, gerade in Zeiten wie unseren, müssen Künstler*innen und Kreative zeigen, dass ein Miteinander, voneinander lernen, gemeinsam erfahren und produktiv sein, die einzige Überlebensart ist. Darum ist es so wichtig, dass durch Theater und andere Kunstveranstaltungen die öffentliche Meinung revidiert wird, die Realität authentisch dargestellt und eine alternative Lebensvariante aufzeigt wird. Schließlich lebt die europäische Künstlergemeinde schon lange den Gedanken der Europäischen Union, wissend, nur gemeinsam können wir etwas bewirken.

Das ausführliche Gespräch von Denise Parizek mit Sarantos Zervoulakos ist hier zu finden.

weitere Infos:
www.eteriafilon.com
sarantos@eteriafilon.com