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Kreisverkehren

Er zieht eine Nummer, macht sich mit dem Regelwerk vertraut, das den Modus bestimmt, ohne etwas zur Sprache zu bringen und berechnet die ernüchternde Wahrheit. Fünfunddreißig Personen werden sich vor ihm zum Schalter bewegen. 

Er zieht eine Nummer, macht sich mit dem Regelwerk vertraut, das den Modus bestimmt, ohne etwas zur Sprache zu bringen und berechnet die ernüchternde Wahrheit. Fünfunddreißig Personen werden sich vor ihm zum Schalter bewegen.

Die Verkörperung der Bürokratie riecht nach abgestandener Luft, vor allem aber nach der Ungeduld der Menschen, nach dem fahlen Geschmack im Mund am Morgen. Er sitzt zwischen Seinesgleichen, zwischen Nummer vierhunderteinundneunzig und fünfhundertzweiunddreißig – Pluralis Magistratis.

Ohne Ablenkung im Rucksack errechnet er sich zunächst die durchschnittliche Dauer eines Schaltergesprächs und die sich daraus ergebende Wartezeit. Durchsichtiger Rhythmus, monotone Logik. Vierhundertachtundachtzig hetzt erleichtert zum Schalter, den Kinderwagen vor sich her schiebend, das schreiende Kind hinterher zerrend. Manche Zahlen stehen auf und rauchen draußen eine Zigarette… oder zwei, oder drei. Die Nummer in der letzten Reihe flüstert entschuldigend ins Telefon, sie werde sich verspäten.

Vierhunderteinundsiebzig wird vergeblich aufgerufen, sie hat vermutlich kapituliert, sich nicht ihrer Identität berauben lassen. Egal! Vierhundertzweiundsiebzig wird Vierhunderteinundsiebzig würdig vertreten.

Ein Streitgespräch stört plötzlich das allgemeine Gemurmel. Nerven liegen blank. Zwei klare Stimmen sind im Raum auszumachen: „Ausländer, Ausländer…“ weiß die Wienerin. Wärterblick, Sachertortenleib. Gesundheitssandalen. Sonnenblumenbluse. „Ausländer, eh’ klar….“ Das allgemeine Gemurmelt erstirbt. Verstohlene Blicke, kollektives Kopfeinziehen. Die Nummernzettel werden aufmerksam studiert.

„Haben sie damit ein Problem?“ Er schaut hin. Eine dunkelhäutige Frau hat ihre Stimme erhoben. Er kann ihre Nummer nicht sehen, sie sitzt zu weit weg. Aber er kann ihr Gesicht sehen, ihre Stimme hören, er versteht auch was sie sagt.

„Geht’s doch ham! G’schwerl. Geht’s arbeiten!“ „Ich habe Arbeit.“ Nicht unfreundlich.

Eine weitere Frau erhebt die Stimme. Mit Akzent, das kann er hören – und dass sie eine Arbeit hat, hört er auch.

„Immer dasselbe mit den Tschuschen!“ Die Stimme der Wienerin muss einen Moment zu Luft kommen. Sie verschanzt sich hinter ihrer Kartontüte mit Multivitaminsaft. „Mir müssen uns alles hart erarbeitet!“ Sie ist aufgesprungen. Gesicht rot. Wildes Gestikulieren.

„Entschuldigen Sie! Ja Sie! Hallo!“ Der Herr am Schalter schaltet sich ein. Keine Nummer, nur ein Namensschild. Kratochwill. Herr. S. Einheimischer, definitiv. Akkurater Scheitel (rechts). Schnitzelfreund. Heurigengeher. Jovial. Vor allem ist er Pragmat.

„Entschuldigen Sie! Was brauchen’s denn! Hallo!“ Die Multivitamin-Megäre hält ein. Dreht sich zum Schalter. Zuckerbäckerlächeln. Kleiner Diener. Knicks fast: „Ja, jaaa, jaaa, bitte?“

„Treten’s doch vor! Wir erledigen rasch ihren Antrag!“

Unruhe im Raum. Lautes Gemurmel. Einzelne Worte sind zu hören. Wie Fallobst auf der frisch gemähten Wiese.

„Unverschämtheit! Ich wart’ schon seit einer Stunde!“ „Ich war vor dieser Frau an der Reihe!“. „Ihre Nummer! Ihre Nummer soll sie zeigen und gefälligst warten wie alle anderen auch!“

Als die Frau geht, geht ihre Nummer mit ihr. Und die Nummern nach ihr rückten nach. Nach und nach.

Das Wort „Ausländerfeindlichkeit“ war auch gefallen.

Wie kurz darauf das Gitter am Schalter. Alte „K&K“-Wertarbeit. Schönbrunnergelb. Schön geschwungen. Massiv. Fest verschweißt. Mittag.