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Zwischen Wien und Thessaloniki

Theater und andere Krisen: Denise Parizek hat sich für uns mit dem deutsch-griechischen Regiesseur Sarantos Zervoulakos unterhalten.

Theater und andere Krisen: Denise Parizek hat sich für uns ausführlich mit dem deutsch-griechischen Regiesseur Sarantos Zervoulakos unterhalten.

S: Wie siehst Du, als Künstler in Wien und Thessaloniki wohnend, die mediale Berichterstattung über die Entwicklung in Griechenland?

SZ: Es war und ist in der Tat äußerst spannend, in den letzten 8 Jahren, den Verlauf der Berichterstattung über die „griechische Krise“ aus diesen beiden Positionen heraus zu beobachten. Da Konflikte vor allem auf der Achse zwischen Athen und Berlin ausgetragen werden, ist es besonders interessant, diese aus einer dritten Position heraus, die mir mein Lebensmittelpunkt in Wien bietet, zu verfolgen. Ein gewisser Abstand tut immer gut. Generell ist meiner Ansicht nach zu trennen zwischen der Berichterstattung über die immer wieder auftauchenden „Meilensteine“ der politischen Entwicklungen, die stets mit großem Fokus in den Medien benannt werden und den Berichten über die  dazwischen liegenden kontinuierlichen Veränderungen im Land, die das alltägliche Leben der Menschen dort betreffen. Über Letzteres ist leider die Berichterstattung bisher sehr dürftig ausgefallen. Wie sich die Krise in den vergangenen Jahren durch eine komplette Gesellschaft hindurchgefressen und sie massiv geschädigt hat, das ist in Mitteleuropa kaum angekommen. Oft herrscht noch das Bild des Griechen der in „Saus und Braus“ lebt und der sich nicht disziplinieren lassen will. Dieses Bild war schon zu Beginn der Krise falsch, konstruiert und nur der gezielten Meinungsbildung einschlägiger Medien dienlich. Und heute ist es nurmehr ein Beweis von anhaltender Ignoranz. Im Jahre 8 der Krise findet man ein völlig verändertes Land vor, wenn man nach Griechenland reist und wirklich in das Leben dort ausserhalb von geschützten Ferienregionen und Touristen-Arealen eintaucht. Das kann man natürlich nicht von jemandem erwarten, der für 14 Tage einen schönen Urlaub haben will und ihn auch haben soll, aber von einer differenzierten Medienlandschaft des 21.Jahrhunderts würde ich mir dahingehend mehr wünschen. Das wäre eine wichtige, spannende und auch sehr anspruchsvolle Aufgabe, denn die Krise ist mit einem oberflächlichen Blick gen Süden nicht so leicht zu beschreiben. Selbst für eine griechisch-stämmige Person wie mich war es lange kaum möglich, einen wirklichen Einblick in die herrschenden Verhältnisse zu bekommen. Ich habe die Krise 8 Jahre lang aus einer privilegierten Position als Auslandsgrieche beobachtet. Erst nach meiner ersten Arbeit dort im vergangenen September kann ich ansatzweise davon sprechen, die Krise und ihre Konsequenzen für den Alltag kennengelernt zu haben, ohne den Menschen dort Unrecht zu tun, die seit Jahren diesen Zustand aushalten müssen.

S: Wieweit beeinflusst die Krise in Griechenland die Kunst, einerseits die sogenannte Hohe Kunst, wie Staatstheater, Museen, anderseits die off Szene. Können privat finanzierte Institutionen noch ein unabhängiges Programm verwirklichen?

SZ: Lässt man die massiven Einschnitte in den Kulturetat im Verlauf der letzten Jahre Revue passieren, so ist es zu beobachten, dass durch den Ausfall der staatlichen Subventionen nun im hohen Ausmass der Einsatz privater Geldgeber und Stiftungen nötig ist. Das sind zum Beispiel die Stiftungen der großen Reeder, wie das Onassis Cultural Center oder der Stavros Niarchos Cultural Foundation, die inzwischen in hohem Ausmass den Kulturbetrieb durch gezielte Zuschüsse noch aufrecht erhalten. Zuletzt hat die Niarchos Foundation dem griechischen Staat ein international sehr beachtetes neues Opernhaus für Athen und eine neue Nationalbibliothek übergeben. Gebunden an die Bedingung, dass eine solche Institution  sich mit den Projekten identifizieren kann. Alternative Subventionen, die früher auch schon nur in relativ geringem Maße zu erwarten waren, sind völlig weggefallen. Nichts desto trotz kämpft gerade die Freie Szene in Griechenland seit Jahren und immer wieder mit Erfolg um ihr Überleben. Das ist eigentlich nur möglich, wenn die Teilnehmenden ihre Haupt-Erwerbsquellen inzwischen in andere Bereiche verlegen, um sich noch den „Luxus“ leisten zu können künstlerisch zu arbeiten und die Welt, die sie umgibt zum Ausdruck zu bringen.

S: Sind Krisen wirklich nötig um künstlerisches Potential zu steigern oder ist es aus der Not eine Tugend machen?
SZ: Die Situation der Dauerkrise beinhaltet in der Tat einen schizophrenen Aspekt: Zum Einen ist so viel Aufreibendes und als falsch wahrnehmbares Tag für Tag um einen herum, wenn man sich dort aufhält oder lebt. Das inspiriert, regt an davon zu erzählen und es fordert einen aufmerksamen Beobachter wirklich heraus, es in der persönlichen künstlerischen Auseinandersetzung zu formulieren. Zum Anderen ist dann von den dortigen Bedingungen aus gestartet so viel einfach schon im initialen Stadium einer Idee nicht möglich, dass man schön sehr zäh sein muss, mit seinen Visionen durchzuhalten. Ich habe großen Respekt vor den griechischen Kollegen, die seit Jahren wahrlich überzeugt an ihrer Berufung festhalten und trotz der widrigsten Umstände Theater machen. Da gehört so viel Spirit dazu und es ist wohl eher aus der Not die Tugend machen, als ein empfehlenswerter Grundzustand. Wirtschaftliche Blüte und wohlhabende Zeiten haben auch immer eine Blüte der Möglichkeiten mit sich gebracht, aus denen Künstler heraus schaffen können. Zu oft wird das in hiesigen Breitengraden nicht mehr ausreichend geschätzt.

S: Was können wir in Westeuropa aus der Griechischen Krise lernen, beziehungsweise was glaubst Du kommt noch auf uns zu, worauf sollten wir uns gefasst machen?

SZ: Es ist einfach für uns alle in Europa hochspannend, wegweisend und wichtig, sich mit den Ursachen, dem Verlauf und den Konsequenzen der griechischen Krise zu befassen. Griechenland ist ein Teil des Systems der westlichen Welt und ein Partner im Europäischen Gefüge, wenn auch einer der schwächsten und in den vergangenen Jahrzehnten mit großem Aufwand integrierten. Man sollte nicht vergessen, dass es ein junges Land ist, dass es erst seit knapp 200 Jahren wieder gibt, nachdem es Jahrhunderte lang vom Osmanischen Reich und in den Orient einverleibt war. Ein kontinuierliche Demokratie gibt es erst seit 1974. Durch die große Vergangenheit des Landes, die ich in vielen Teilen auch für eine massive Projektion halte, hängt die Messlatte oft viel zu hoch. Auch das Griechenland der Antike war nicht perfekt, bestimmt nicht. Es hätte sonst wohl kaum so wichtigen Geistern seiner Zeit Impulse geliefert, erstrebenswerte Ideal-Zustände zu formulieren, die wohl auch damals schon den realen Bedingungen entgegensetzt gewesen sein müssen. Wenn alles in Ordnung gewesen wäre, hätte es wohl keinen Anlass geliefert, sich in Antithesen zu formulieren und damit Kunst entstehen zu lassen. Ideen, Prinzipien und Standpunkte, die heute mit als Grundlage unserer Europäischen Identität gelten und die die Formulierenden damals nicht selten mit ihrem Leben bezahlt haben. Im Mannschaftssport und in der Ensemble- Führung im Theater geht man davon aus, dass jede Mannschaft so stark ist wie ihr schwächstes Mitglied. Wer die Idee Europa verteidigen will, der darf Griechenland nicht fallen lassen.

S: Erzähl bitte ein wenig über Deine Produktion in Thessaloniki und wann denkst Du wirst Du sie in Wien zeigen können?

SZ: Die Geschichte dieser Produktion beginnt hier in Wien und an dem Abend, als ich Theresia Walsers Stück „Ich bin wie Ihr, Ich liebe Äpfel“ in einer spannenden Inszenierung am Schauspielhaus sah. Die Themen und der Umgang mit der Sprache haben mich sehr angesprochen und ich hatte das Gefühl, dass die Vorlage in griechischer Sprache besonderes Potential hätte, inhaltlich und formal zu zünden. Im wesentlichen dreht sich das Stück raffiniert in Form einer Zitat-Schlacht und den Vorgang der Übersetzung und legt einen Schwerpunkt auf den Aspekt, dass es sich eben immer um eine mehr oder minder objektive Interpretation des Gesagten handelt. Da es mir ein Anliegen war, der Brisanz des Stoffes so gut es geht einen Spielraum zu geben, fragte ich mich, ob es Sinn mache, diese Produktion in zwei Sprachen stattfinden zu lassen und dabei eben nicht zufällige Sprachen zu benutzen sondern den Konflikt gezielt auf der Achse zwischen Vertretern der deutschen und der griechischen Sprache anzusiedeln. Ich habe also eine Besetzung aus drei griechischen Schauspielerinnen und einem deutschen Schauspieler zusammengestellt und somit meine erste Company in Griechenland gegründet, mit dem Namen ETERIA FILON, was wörtlich übersetzt aus dem Griechischen „Gesellschaft der Freunde“ heisst. Während der Erarbeitung unseres gemeinsamen Abenteuers hat es uns besonders interessiert, mit unserer Interpretation eine zusätzlich mögliche politische Dimension zur Entfaltung zu bringen: das angespannte Verhältnis zwischen Griechenland und Deutschland seit Beginn der Finanzkrise 2010. So sitzen drei symbolische Vertreterinnen korrupter politischer Eliten vor dem Publikum, die behaupten, das Wort „Krise“ nicht zu kennen, jedoch Griechisch sprechen. Zwischen ihnen agiert ein pseudoneutraler und voreingenommener Übersetzer, der Deutsch spricht. So macht die von der Autorin geschaffene Schlacht der Zitate, das Spiel um „Wer hat was gesagt?“ und „Wer hat Recht?“ besonderen Spaß im Verlauf dieser Situationskomödie und ermöglicht en passant aktuelle politische Referenzen. Alles, was eine Person in der Öffentlichkeit je gesagt hat, kann im nächsten Moment in einem völlig neuen Kontext erscheinen, verzerrt und auch mißbraucht werden. Ein Phänomen, das uns nicht erst seit den Schlammschlachten deutscher und griechischer Medien in den vergangenen Jahren bekannt ist und uns sicherlich in naher oder ferner Zukunft nicht fremd werden wird, bspw. hinsichtlich medialer Entwicklungen in den USA oder in weiteren zu erwartenden Auseinandersetzungen innerhalb der „Europäischen Familie“.
Ich hoffe, die Produktion noch im Jahr 2017 nach Wien holen zu können. Da wir zu absolut gleichen Teilen in deutscher und griechischer Sprache auf der Bühne ein eigenes Kommunikationssystem erarbeitet haben, wäre es sehr spannend, diese Arbeit nun auch im deutschsprachigen Raum zeigen zu können. Und vielleicht wäre es wieder diese dritte Position hier in Wien, die den Blick auf die Achse der tragikomischen verbalen Auseinandersetzungen zwischen Hellenen und Germanen zu einem besonderen Theater-Erlebnis werden lässt. Es würde uns sehr freuen!

weitere Infos:
www.eteriafilon.com
sarantos@eteriafilon.com