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Nachhauseweg

In der S-Bahn fragt einer, ob ich auch mit kleinen Schwänzen ficke. Hey, ja, du, fickst du auch mit kleinen Schwänzen? Wir waren auf dem Nachhauseweg.

In der S-Bahn fragte plötzlich einer, ob ich auch mit kleinen Schwänzen ficke.

Hey, ja, du, fickst du auch mit kleinen Schwänzen?

Lous verschwitzter Kopf klebte an meiner Schulter. Reste von billigem Parfum konnte ich riechen, alles andere war Schweiß und Rauch. Sie hatte ihre Augen geschlossen, schlief nicht, aber die dicken Lider, vollgeschmiert mit Wimperntusche und schwarzem Kajal, waren auf ihre Wangen gefallen, ließen sich nicht mehr öffnen. Mit heißen Finger streichelte sie immer wieder über meinen Oberschenkel, ein geheimes Zeichen aus der Dunkelheit: ich bin noch da, bin noch da, bin noch da.
Der Club hatte uns in einen gleißenden Tag gespuckt, auf den Straßen waren Familien unterwegs und Jogger. Die S-Bahn voller Sauberkeit, vollgestopft mit gewaschenen und geschrubbten Körpern, die glänzten vor Gesundheit und neuen Sommerkleidern. Wir versanken in den staubigen Sitzen, keine Möglichkeit sich zu verstecken, der Tag hatte sich ausgebreitet, war schon überall. Der Typ stieg eine Station später ein. Er trug einen beigen Anzug, Hemd, Krawatte, alles farblich abgestimmt und die Kleidung roch frisch gebügelt. Ich liebe diesen Geruch. Er lächelte uns an, ich schaute aus dem Fenster.

Fickst du auch mit kleinen Schwänzen, sagte er.

Was?

Ob du auch mit kleinen Schwänzen fickst? Weil du siehst aus wie eine, die das macht. Ist nicht für mich, weißt du. Nicht für mich. Aber ein Freund von mir, also, seine Frau hat ihn verlassen, echt schlimme Sache und der ist am Boden, am Boden sag ich dir. Der braucht eine kleine Aufheiterung, verstehst du schon, was ich meine. Eine kleine Aufheiterung. Und es ist verdammt schwer eine Frau zu finden, verdammt schwer, wenn man schon vierzig ist und so und sein Schwanz, also der ist nicht sehr groß, aber er ist ein netter Kerl. Echt ein netter Kerl, weißt du, der hat das auch verdient, mal richtig gefickt werden. Oder? Was sagst du? Sag doch was. Kannst ihm auch einen blasen, blasen wäre auch ok. Ich würd dir sogar was geben dafür. Also das muss unter uns bleiben, aber wenn du ihm einen bläst, da lass ich was springen für dich. Du bist genau sein Typ, weißt du, genau sein Typ. Und das machen viele Frauen, echt viele, da ist nichts dabei. Also? Jetzt sag doch was. Bist dir zu gut oder wie? Bist dir zu gut für einen kleinen Schwanz. Sind sich ja alle zu gut dafür, alle Frauen. Alle zu gut, einem armen Kerl den Schwanz zu lutschen. Bricht mir das Herz, wirklich jetzt, du brichst mir das Herz.

Ich zählte die Häuser, die Autos, die Strommasten. Alle rauschten sie vorbei. Noch sechs Stationen, noch fünf, noch vier. Mein Kinn auf Lous Kopf, die sich nicht bewegt, schwer an mir hängt und am Rand meines Blickes tanzt der Typ in seinem frisch gebügelten Anzug auf und ab, auf und ab.
Lutsch doch seinen Schwanz, nur einmal. Das ist doch nichts, einmal seinen Schwanz lutschen. Für einen Fünfziger würdest du’s aber machen oder? Ich kann dir auch mehr geben, ein Spezialpreis, das ist nur für dich, weil du echt sein Typ bist. Und das macht doch Spaß, einen Schwanz lutschen, das macht dir doch Spaß.

Lou stand auf. Sie schwankte auf ihren langen Beinen, fasste meine Hand und zog mich zur Tür.
Lutsch ihn doch selbst, du Wichser, sagte sie.

Wir gingen die letzten zwei Stationen zu Fuß nach Hause.

 

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