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Requiem auf Anna Achmatowa

Am grauen Strome der Newa |
im strichschwarzen Kolorit |
der Eisenzaunstuckfasaden |
wo Wind nur als Staub geschieht, | …

Am grauen Strome der Newa
im strichschwarzen Kolorit
der Eisenzaunstuckfassaden
wo Wind nur als Staub geschieht,

gegen Nieselregen und Rufmord,
in einem warmen Kerzenkleid,
gesprungen wie Glas, von Kristallart,
bloß gewappnet mit ihrem Leid,

geht Anna Achmatowa
wie ohne Genick umher –
tief sind die armen Sinne,
Blinkreiche, vom Lichte leer.

Grauen verschließt die Augen,
tiefblau der Schlüssel vom Meer.

In einer kaum zu erreichenden Schwermut
liegen Finger auf Papier,
ruh’n wie auf allem, wie Glieder es tun.
Nichts in ihr ist hier.

So viel wurde fremd; kein Tag, kein Weg
hat mehr Pferdegetrappel.
Mandelstam: tot. Russland gepfändet.
Licht in der Schneedornpappel.

 

II

Bosheit hat sie zerschlagen,
Zerstörtheit zusammengesetzt.
Man sieht ihren Blick nichts wagen.
Und das Papier weht gehetzt.

Notlicht in ihren Adern.
Portrait ohne Ebenbild.
Kein destin und kein Hadern.
Stille, gebraucht wie ein Schild.

Engel die Züge, kaltmarmorn ergraut;
ein Gedenken, versteckt, in dem schmalen
Gesicht. Die Hoffnung: was nach innen schaut
um irgendwie die Angst zu bezahlen.

Voll Lebensflucht, exerziert als Gestalt,
übertüncht fahle Furcht alle Qualen.

Keine Gedichte mehr aufzufinden,
Freundschaften sind Jahre her:
Blok und Pasternak – nicht zuletzt Puschkin,
den man nicht kannte. Das Warten fällt schwer.

So gingen die Grenzen in dich hinein.
Sie nannten dich niemand und mehr.
Du fandest nicht, was du versuchtest. Dein
Leben war Beisein. Das Warten fällt schwer.

 


Timo Brandt wurde 1992 geboren, seit 2014 studiert er in Wien Sprachkunst an der Universität für angewandte Kunst. Mitherausgeber der JENNY-Literaturzeitschrift. Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien, 2017 erschien sein Debüt „Enterhilfe fürs Universum“.

 

Die wunderbare Fotografin Dilan Tas ist via Facebook erreichbar und freut sich über eure Anfragen.