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„Grooming“ ein richtig saftiges Drama

Über das Dilemma sein Glück zu finden, wenn sexuelle Neigungen nicht der gesellschaftlichen Form entsprechen.

Ein Stück von Paco Bezerra
Deutsch von Franziska Muche
Regie: Esther Muschol
Bühne, Kostüm: Ágnes Hamvas
Musik: Rupert Derschmidt
Assistenz: Carmen Jelovcan
Es spielen: Christoph Kail, Maria Strauss

Österreichische Erstaufführung
Rechte Gustav Kiepenheuer Bühnenvertriebs-GmbH Berlin Eigenproduktion Theater Drachengasse
Theater Drachengasse
30. Oktober – 25. November 2017
Di-Sa um 20 Uhr

Ein Mädchen auf einer Schaukel, ein Mann, der auf sie einredet. Im Hintergrund eine übergroße, verpixelte Zeichnung von Mädchenbeinen, Hasen und Löchern.
Dieses Zitat aus Alice im Wunderland lässt erahnen, wohin uns die Geschichte führen wird. Doch so leicht macht es der Autor Paco Bezerra den Zuschauern nicht. Grooming ist ein Stück voller Wendungen und Abgründen inklusive durchwegs absurden Passagen.

© Agnes Hamvas

Esther Moschus sieht in „Grooming“ ein richtig „saftiges Drama“, ein Konstrukt von Lebenslügen, die die Figuren aufbauen müssen. Das Dilemma sein Glück zu finden, wenn sexuelle Neigungen nicht der gesellschaftlichen Form entsprechen, oder sogar andere Menschen beschädigt werden, erweist sich als fast unmöglich. Da es keine Lösung gibt, sind die Figuren tragisch-komisch.

Die Opfer Täter Position wird in der Entwicklung der Beziehung von Carolina 16 und Leonardo, die Nicknames der Protagonisten im Chat, umgekehrt. Das anfänglich stille und introvertierte Mädchen wird zum Folterer. Ihr Grinsen zeigt die Genugtuung, mit der sie die Rolle genießt.

Er, der Täter, verblasst und verliert jegliche Würde.
Das Stück ist ein gut gebautes Kammerspiel mit geschliffenen Dialogen. Esther Moschul reduziert in ihrer Inszenierung auf das Notwendigste und erarbeitet mit ihrer congenialen Bühnen- und Kostümbildnerin Agnes Hamvas einen unterhaltenden und nachhaltig ergreifenden Abend.
Die Bühne besteht aus dem erwähnten Bild und Spiegelboden, es hängen zwei Schaukeln von der Decke. Die beiden Darsteller, Maria Strauss und Christoph Kail spielen miteinander, sie verhandeln ihre gemeinsame Geschichte, wir das Publikum sind wie Spanner in der Parkhecke.
Während Carolinas und Leonardos Reise durch die unteridischen Labyrinthe des Kaninchenbaus werden Definitionen von Paraphieren eingeblendet. Erstaunlich wie viele Variationen dieser psychischen Krankheit existieren.

© Agnes Hamvas

 

Harmlose, wie Dendrophilie, bei der sexuelle Erregung durch Bäume oder Pflanzen erreicht wird, oder Ballooning die sexuelle Erregung durch Luftballons, das Berühren oder Sitzen auf Luftballons, durch das Beobachten einer Person, die Luftballons aufbläst, ablässt oder platzen lässt.  Neben diesen existieren auch gefährlich entwickelte Formen, in denen andere Menschen unfreiwillig involviert sind, wie Biastophilie, sexuelle Erregung durch Vergewaltigung und Kannibalismus, sexuelle Erregung bei der Idee, die geliebte Person bei lebendigem Leib aufzuessen oder von ihr gegessen zu werden.

Die Intimität des Stückes wird von den Schauspielern getragen. Somit wird es dem Publikum auch nicht leicht gemacht, Position zu beziehen. Leonardo stellt seine Neigung als unheilvolle Krankheit dar, ohne Entrinnen. Carolina 16 entpuppt sich plötzlich als verdeckte Ermittlern und bleibt am Ende doch Alice, deren Kaninchen für immer verschwunden ist.

© Agnes Hamvas

Der Paradigmenwechsel von der Wir zur Ich Gesellschaft hat sich vollzogen. Täuschen und tarnen, vorspielen und in die Irre führen, sind die Regeln der Selbstdarstellung in sozialen Medien. Identitäten können nur mehr in der analogen Welt überprüft werden: Leonardo ist nicht 16 wie er sich im Chat ausgab. Ist Caroline 16 ein Teenager oder doch ein Agent Provokateur? Der Hase / Verführer ist am Ende verschwunden, das Mädchen bleibt mit dem Grinsen der Genugtuung alleine zurück. Wie aus einem absurden Traum wird das Publikum in die Wirklichkeit entlassen.

Grooming ist bereits die 3 Arbeit von Moschul und Hamvas. Caryl Churchill: „Liebe und Information“ im Max-Reinhardt Seminar und Akademietheater waren der Beginn. „Weiße Neger sagt man nicht“ wurde im Frühjahr 2017 im Tag uraufgeführt. Agnes Hamas war beide Male für Bühne und Kostüm zuständig.

Esther Moschul kann auf langjährige Erfahrungen am Burgtheater zurückgreifen und hatte großartige „Lehrer“ wie René Pollesch. Genau das sieht man in ihren Inszenierungen. Ihr Gefühl für Töne und Timing, für Intimität und Absurdität ist hervorragend. Eine wunderbare Gegenposition zu den momentan so angesagten, anachronistischen Interpretationen, in denen ich das Gefühl habe in eine frühere Dimension geglitten zu sein. Die Bühnenbilder von Agnes Hamas visualisieren die Inszenierungen von Esther Moschul. Die gefühlte Leichtigkeit sowohl im Spiel als auch im Setting erweisen sich als trickreiche Aufbauten. Die Konstellationen des Personals sind fein ziseliert, die Aufbauten exakt durchdacht.

ÜBER DAS STÜCK
Paco Bezerra bezieht sich auf den 1859 geborenen britischen Sexualforscher Henry Havelock Ellis. In seiner Autobiografie My Life erzählt er, dass er bis zu seinem 60. Lebensjahr impotent war. Damals fand er heraus, dass er eine Erektion bekam, wenn er einer Frau beim Urinieren zusah. Ellis nannte dieses sexuelle Interesse am Prozess des Urinierens Undinismus. Nach der modernen Medizin wäre Henry Havelock Ellis wohl paraphil: eine Person, die nur durch etwas ganz Bestimmtes Lust empfindet. Es gibt über 100 verschiedene Paraphilien und laut DSM-5-Leitfaden, den die American Psychiatric Association herausgibt, handelt es sich um eine psychische Störung. Dieses Basiswissen wirft eine Reihe an Fragen auf, allen voran, wie wir mit psychisch kranken Menschen umgehen und was wir noch lernen müssen.

ESTHER MUSCHOL

Geboren in München. Studium am Max Reinhardt Seminar in Wien, anschließend ein dreijähriges Engagement als Regieassistentin am Burgtheater. Seit 2005 als freie Regisseurin in Deutschland und Österreich tätig, u. a. am Burgtheater Wien, Volkstheater Wien, Theater Phönix Linz, Städtische Bühnen Graz, Schauspielhaus Salzburg, Theater Erlangen, Landestheater Detmold und Neuköllner Oper Berlin.

AGNES HAMVAS

Seit 2001 als freischaffende Künstlerin und Kostümbildnerin tätig. Agnes Hamvas arbeitete u.a. für das TAG, die Frankenfestspiele, das Schauspielhaus Salzburg, Oper Klosterneuburg, die Herbsttage Blindenmarkt, Märchensommer NÖ / Stmk und mit dem „collectif Lfk(s)“ (Leitung: Jean Michel Bruyère). Weiters arbeitete sie mit Filmregisseuren, wie Roland Berger oder Houchang Allahyari und zuletzt mit Peter Kern für „Der letzte Sommer der Reichen“ zusammen. Sie ist auch künstlerisch tätig und Grüdungsmititglied der Galerie Schleifmühlgasse 12-14.

PACO BEZERRA

Paco Bezerra wurde 1978 im südspanischen Almería geboren. Er studierte Dramaturgie und Theaterwissenschaft an der Madrider Hochschule für Theater RESAD und Schauspiel am Theaterlabor William Layton in Madrid. Seine in Spanien vielfach preisgekrönten Stücke wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Für sein Stück Dentro de la tierra (Unter der Erde) wurde er 2009 mit dem Spanischen Nationalpreis für Dramatik ausgezeichnet. Paco Bezerra lebt in Madrid.

MIRIAM STRAUSS

Maria Strauss wurde 1989 in Innsbruck/Tirol geboren. Abgeschlossenes Schauspielstudium an der Musik und Kunst Privatuniversität der Stadt Wien (ehemals Konservatorium Wien) von 2012 bis 2016. Während und nach dem Studium Gastengagements am Volkstheater Wien, TAG Wien, Off Theater Wien und Kunstquartier Salzburg.

CHRISTOPH KAIL

Christoph Kail wurde in Wien geboren, wo er 1992 sein Schauspielstudium abschloss. Er war Ensemblemitglied am Landestheater Nieder- österreich sowie am Schauspielhaus Salzburg. Als freischaffender Schauspieler führten ihn zahlreiche Engagements unter anderem nach Frankfurt, Stuttgart, Linz, Bern und Wien sowie zu den Bregenzer und Salzburger Festspielen. Er arbeitete mit Regisseurinnen und Regisseuren wie Bettina Bruinier, Daniela Kranz, Barbara Nicolier, Dominique Schnizer, Christian Kuchenbuch, Sebastian Baumgarten, Sebastian Nübling und Jürgen Flimm. Weiters gastierte er mit dem Tanztheaterprojekt der Editta Braun Company in Salzburg, Wien, Brüssel, Kairo und Dakar. Zuletzt war er in Herr Schuster kauft eine Straße von Ulrike Syha im Theater Drachengasse zu sehen.

RUPERT DERSCHMIDT

Absolvierte 1991 eine Ausbildung zum Tontechniker an der SAE Wien. Arbeitete von Februar 1992 bis Oktober 1993 als Tontechniker im Wiener Burgtheater und seit Oktober 1993 im Akademietheater. Lernte in seiner Jugend etliche Jahre Geige, Kontrabass und Gitarre. In den darauffolgenden Jahren kamen noch E-Bass, Steelguitar und Singende Säge dazu. Seit 2006 gemeinsam mit B. Fleischmann und W. Jordan in der Band Your Gorgeous Self in der er E-Bass, Singende Säge und Steelguitar spielt. (yourgorgeousself.com) Theatermusik u. a. für Macbeth von William Shakespeare (Regie: Calixto Bieito/Salzburger Festspiele), Gilgamesh in der Bearbeitung von Raoul Schrott gemeinsam mit D. Bruckmayr und A. Nefzger (Regie: T. Boermans/Akademietheater), Schutt von Dennis Kelly und Effi Briest (Regie: Sandra Schüddekopf/Burgtheater), Musik und DJ für die Produktion Sauerstoff von Iwan Wyrypajew (Regie: Sandra Schüddekopf), Zwischenfälle von Daniel Charms (Regie: Andrea Breth/ Akademietheater), Curie_Meitner_Lamarr_unteilbar, Alltag und Ekstase von Rebekka Kricheldorf, Die Erfindung der Sklaverei von Christiane Kalss (Regie: Sandra Schüddekopf/ Theater Drachengasse), Liebe und Information von Caryl Churchill (Regie: Esther Muschol).

LINKS

http://www.drachengasse.at/spielplan_detail.asp?ID=780

http://dastag.at/ueberuns/theatermacherinnen/muschol/mouche.hu/

12-14.org/artist-agnes-hamvas

www.im7ten.com