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Der Winter tut den Fischen gut

Die Unmenschlichkeit des Systems, die Unfähigkeit zu Empathie der AMS Mitarbeiter und Sinnlosigkeit im Allgemeinen.

Eine Produktion von THEATER IG FOKUS nach dem gleichnamigen Roman von Anna Weidenholzer
Es spielen: Petra Strasser, Elisabeth Veit und John F. Kutil
Inszenierung und Romanbearbeitung: Margit Mezgolich
Raumausstattung: Agnes Hamvas
Kostüme: Katharina Kappert
Produktionsleitung: Liesa – Marie Wondraschek

Wenige Minuten nach betreten der sogenannten Bühne (Ausstattung Agnes Hamvas) in der Gründorfgasse im 14ten Bezirk, wippen die Hüften der Besucher im Takt des unwiderstehlichen Grooves von Elvis the Pelvis. Das distinguiert freundliche Personal übernimmt die Garderobe und bietet Tee an. Die Stockerl, Fauteuils und das gelbe Sofa sind Sitzmöbel für Besucher sowie  Requisiten des Stückes.

Der Raum ist gemütlich in blau-braun-gold Tönen gehalten, die Möbel und Lampen erinnern an die 60iger Jahre. Ein schabby chic Hippster Raum der Wärme ausstrahlt und gemütlich ist.

Die Zuschauer sind involviert, werden mitunter gebeten ihren Sitzplatz zu wechseln, um für eine besondere Choreografie Platz zu machen. Ein unmittelbares Theatererleben wird dadurch ermöglicht, der Text berührt wörtlich, die bekannte Barriere zwischen Bühne und Publikum ist aufgelöst, ohne in ein Mitmachtheater zu mutieren.

Maria untersucht ihre Lebensgeschichte, Erinnerungen tauchen auf, verpasste Möglichkeiten, skurrile Begegnungen. Auf ihrer kreidigen Lebenslinie geht von heute zurück in die Vergangenheit. Ihr Leid als Arbeit Suchende, nach 25 Jahren Dienst in einer Boutique, den Tod ihres Mannes, ihre Karriere als Modeverkäuferin, die öden Ehejahre, ihren Elvis, die Jugend und die Kindertage.

Täglich kämpft sie mit dem Gefühl, nichts mehr wert zu sein. Oft fragt sie sich, worauf es in einem erfolgreichen Leben ankommt. Muss man für ein glückliches und erfolgreiches Leben bestimmte Regeln einhalten? Hängt Erfolg oder Misserfolg von höheren Mächten ab? Wie können in Zukunft Fehler vermieden werden?

Die drei großartigen Schauspieler schaffen  mit einer Leichtigkeit alle Rollen bravurös darzustellen. Elisabeth Veit vollzieht mit maskenartigen Gesichtszügen den Bruch zwischen den Personen wie Christoph Walz den Twist von einer Sprache zur anderen. Ihr Gesicht verändert sich, die Ausstrahlung der Person zuvor ist wie ausgeblasen, ein völlig anderer Charakter steht auf der Bühne. Die Stimme und Sprache passt sich genau an die Zeichnung der Figur an. Eine großartige Schauspielerin der leisen und feinen Töne.

John F. Kutil hat es anfänglich schwer als kafkaesker AMS Beamter. Er spielt die Rolle der falschen Freundin Margot hinterfotzig, mit all ihrer aufgesetzten Liebenswürdigkeit. Im Laufe des Abends steigert er sich immer mehr bis er schließlich völlig als Elvis überzeugt, dieser quasi wird.

Petra Strasser gibt eine gebrochene und verwunderte Frau. Sie hat doch alles richtig gemacht, ihr Leben erschien als heile Welt. Klar hat Elvis öfters über die Stränge geschlagen, nicht auf seine Gesundheit geachtet, aber nirgendwo ist das Glück vollkommen. Sie hatte ihr Auskommen und ihren Sinn im Leben. Ohne Aufgabe, ohne Arbeit gleicht ein Tag dem anderen, die Grenzen verschwimmen, die diesigen Ebenen überlagern einander. Mit feinen Tönen erzählt sie verwundert von sich, als ob sie von einer anderen Person sprechen würde. Irgendwie hat sie sich im Laufe der Zeit von sich selbst distanziert. Mit der Betrachtung von Aussen kommt Maria ihr Leben noch absurder vor.

Dramaturgisch wurde der Roman von Anna Weidenholzer genial aufgedröselt, der Wechsel zwischen Monolog und Dialog belebt den Abend, die verschiedenen Zeitebenen lagern übereinander und verfolgen doch eine Chronologie.

Mit britisch schwarzem Humor werden dramatische Situationen aus dem Leben einer zweiundfünfzig Jährigen, die am Arbeitsmarkt ausgemustert wurde, überzeichnet. Deshalb fahren die Dialoge noch ärger ein. Die Unmenschlichkeit des Systems, die Unfähigkeit von Empathie der AMS Mitarbeiter, die Sinnlosigkeit der Beschäftigungstherapien, die staatlich verordnet werden, all das steigert sich zu einer Groteske, der das Individuum ausgeliefert ist.

Ein immer aktueller werdendes Thema, welches die Schere zwischen der Forderung nach längeren Arbeitszeiten und Verschiebung des Pensionsalters und der tatsächlichen Situation am Arbeitsmarkt noch absurder erscheinen lässt.

Innerhalb der achtzig Minuten Spielzeit baut das Ensemble einen Designerladen auf, in dem das Publikum  aktuelle Modelle aus der Wiener Modeszene erwerben kann.

Margit Mezgolich gelingt mit der Romanbearbeitung ein gesellschaftspolitisch relevanter Abend mit großem Unterhaltungswert und schauspielerischen Höchstleistungen.

Das von Margit Mezgolich und Petra Strasser neu gegründete Theater IG Fokus will neue Wege gehen und durchbricht die Mauern des herkömmlichen Sprechtheaters: In einem exklusiv intimen  Rahmen (max.25 ZuschauerInnen) werden an „theaterfernen“ Orten politisch und gesellschaftlich aktuelle Uraufführungen mit viel Humor hautnah dem Publikum dargebracht.

Die Adaptierung des Raumes hat Zeit und Geld aus der Produktion abgezogen, trotzdem spürt das Publikum keinerlei finanziellen Mangel. Ein hervorragender Theaterabend hat nicht unbedingt mit finanziellem Überfluss zu tun, was absolut nicht heißen soll, dass der Statt sich aus der Verantwortung verabschieden darf, Kunst zu fördern. Gerade Gruppen wie IG Fokus, die hochwertige Kunstprojekte in die Vorstadt bringen, gehören wesentlich besser unterstützt. Es wäre zu wünschen, dass Margit Mezgolich damit eine neue kleine Spielstätte in Breitensee etablieren kann, in der noch mehr spannende und aktuelle Stücke aufgeführt werden.

Auf jeden Fall sollte sich jede und jeder diesen Abend gönnen.


21., 22., 23., 24. Februar 2018 2., 3., März 2018

Reservierungen unter 0664/ 977 97 95 oder E-Mail: ig-fokus@gmx.at

Hütteldorferstrasse 141 / Eingang Gründorfgasse

U3 oder 49er Breitensee

http://www.gamuekl.org/theater/winter/fisch.htm