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Gewürzgurken der Revolution

Montag, 03.10.2016

Mit viel Charme und Witz untersucht das Theaterkollektiv YZMA in seiner vierten Produktion „Spektakel Total!“ die aktuelle, politische Situation Europas. Die Gruppe rund um Regisseurin Milena Michalek rollt altbekannte Fragen einer scheinbar vergessenen Revolution auf und verleiht ihnen neue Denkanstöße. Dem Publikum im Theater in der Drachengasse war dies bei der Premiere am Montag, 26.09.2016 minutenlangen Applaus wert.

Foto: Barbara Palffy

 

Nach einer gescheiterten Revolution stranden drei Revoluzzer in der sibirischen Einöde, sie philosophieren über Heiner Müller, fragen sich nach der Rolle des Individuums in der heutigen Gesellschaft und suchen nach Widerstandsformen in einem Europa, das nach rechts zu rutschen droht. Antworten gibt die vierte Produktion des Kollektiv „Spektakel Total!“ zwar kaum, Spaß macht der Abend aber allemal. Sei es mit einer Gesangseinlage des Darstellers Bastian Parpan oder der Absurdität von riesigen, roten Revoluzzer-Handschuhen. Überhaupt scheint YZMA Gesang wichtig zu sein, sodass immer wieder gesungen wird.

Das einfachgehaltene Bühnenbild (Johannes Weckl) kommt mit zwei Holzverschlägen auf beiden Seiten der Bühne aus. Hinter der linken Hütte, in welche sich die drei Darsteller immer wieder zurückziehen, verbirgt sich ein Potpourri der Revolutions-Philosophie. Dies wird mittels einer Videoaufzeichnung, die live auf die Bühnenwand projiziert wird, offenbart. Der Einsatz dieser Projektion führt am Abend des Öfteren zu ästhetischen Höhepunkten, wie zum Beispiel bei der Close-Up Aufnahme eines Lippenspiels. Die charmante Verwendung von Gewürzgurken als Luxusgut des Kapitalismus macht ebenso große Freude wie ein nicht funktionierendes Schere-Stein-Papier-Spiel.

In schnellen, pointierten Dialogen werden Themen wie die Flüchtlingskrise, die Sehnsucht nach Heimat und die Positionierung eines jungen Menschen in der heutigen Zeit ad absurdum geführt. YZMA zeigt in intelligenten Sätzen, wie schwer es heutzutage ist einen Platz in der Gesellschaft einzunehmen und diesen auch vertreten zu können, ohne seine eigenen Ideale zu verlieren. So führt das Kollektiv Wannabes sämtlicher politischer Einstellungen ins Lächerliche und zeigt, dass Veränderung durch Handlungen eintreten und nicht durch das bloße Zerreden entstehen.

Das überaus rasante Tempo macht es dem Zuschauer dabei leider an manchen Stellen unmöglich den Gedankengängen der Darsteller zu folgen, sodass der Abend leicht zerfasert und manch einer sich fragen wird, was er da eigentlich gerade gesehen hat. Schnell wirft sich die Frage auf, ob dies nun noch Schauspiel ist oder YZMA mit „Spektakel Total!“ bereits performativen Boden betritt. Vielleicht würde eine Entscheidung hier nicht nur dem Zuschauer helfen. Allerdings ist dieses Manko schnell wieder vergessen, wenn sich die drei Revoluzzer zu Rio Reisers „Halt dich an deiner Liebe fest“ mit einem Feierabendbier zurückziehen und den Abend ausklingen lassen.